Miami. (art) Die Botschaften, die zuletzt über Jeremy Lin verbreitet wurden, waren zahlreich. So zahlreich, dass sie gar nicht so recht in den drei Wochen unterzubringen waren, in denen der 23-Jährige die nordamerikanische Basketball-Liga NBA seit seinem Debüt in der Startformation der New York Knicks nun auf den Kopf gestellt hat: Die einen präsentierten ihn, den ersten asiatisch-stämmigen US-Spieler in der NBA, als Exempel für gelungene Integration, auf der anderen Seite blieben rassistische Bemerkungen nicht aus. Andere wollten betont wissen, dass es auch Harvard-Absolventen in die höchste Liga des Basketball-Sports schaffen könnten. Für die meisten aber ist er schlicht die Verkörperung des amerikanischen Traums: vom Nobody zum Superstar. Es war ganz schön viel, wofür dieser Jeremy Lin in seinen ersten Wochen in der Glitzerwelt NBA herhalten musste. Doch irgendwann musste es ja auch einmal genug sein.

Dieses Irgendwann trat in der Nacht auf Freitag ein, in der Miami Heat ebenfalls Botschaften auf Lager hatte. Sie waren relativ eindeutig: Auch der neue Superstar ist keine Maschine. Und sein Team trotz eines durchaus beachtlichen Erfolgslaufs noch lange kein Titelkandidat. 102:88 lautete die in Zahlen gegossene Demontage der Knicks und ihres neuen Spielmachers, der die mit weitem Abstand schlechteste Leistung seiner elf Spiele in der Anfangsformation, bei denen er die bisherigen NBA-Startrekorde pulverisiert hatte, zeigte und nur acht Punkte und drei Assists bei acht Ballverlusten erzielte. "Es war eine Lektion für mich", meinte Lin nachher, "eine sehr harte". Sein Trainer Mike D’Antoni stellte sich demonstrativ vor ihn: "Sie haben sich perfekt auf ihn eingestellt. Es ist eben schwer, jeden Tag Peter Pan zu sein."

Über Umwege in die NBA

D’Antoni wird sich hüten, abfällig über Lin zu sprechen. Immerhin verdankt er die Tatsache, dass er noch immer als Knicks-Trainer arbeiten darf, vorwiegend ihm. Und ursprünglich unglücklichen Umständen, die sich irgendwie wie ein roter Faden durch die noch junge Laufbahn Lins ziehen. Nach seiner Verpflichtung Ende Dezember hatte der Coach ihn umgehend in die Development League geschickt. Doch dann spielte die Mannschaft derart schlecht, verletzten sich auch noch die Stammkräfte, dass D’Antoni auf den Ergänzungsspieler zurückgreifen musste. Dass der bis dahin weitgehend Unbekannte so einschlug und das Team zunächst mit seinem unkonventionellen Spiel, das mehr auf einer grandiosen Übersicht als auf Schnelligkeit oder Athletik basiert, von Sieg zu Sieg führen würde, konnten ja weder der Coach ("Ich weiß nicht, was da los ist"), noch Lin ("Es ist fast ein Wunder") wissen.

Man mag es ihnen nachsehen. Schließlich waren sie nicht die Ersten, die sich bei seiner Beurteilung getäuscht hatten. Nach Beendigung seines Wirtschaftsstudiums war der schlaksige Lin - wohl wegen seiner Physis und vielleicht auch aufgrund von Vorurteilen gegen den Mann mit den taiwanesischen Wurzeln - beim Draft 2010 durchgefallen. Dallas lud ihn zu Trainingszwecken ein, mehr nicht. Danach kam er doch noch zu Engagements bei den Golden State Warriors und Houston, durchsetzen konnte er sich aber nicht. Bis dann eben die Knicks zuschlugen. Er war ja auch vergleichsweise ein echtes Schnäppchen: Rund 602.000 Euro bekommt er für ein Jahr bezahlt. Durch den Verkauf von Merchandising-Produkten und Tickets war es schon jetzt ein mehr als gelungener Deal. Doch ob Lin auch sportlich halten wird, was er in seinen ersten Partien versprochen hat, wird sich erst weisen. Denn die Knicks träumen ja schon vom Titel. Es wäre eine noch größere Geschichte als all jene, die sich schon jetzt über Jeremy Lin erzählt werden. Und vielleicht ein bisschen zu viel verlangt von einem, der gerade erst in der NBA Fuß gefasst hat.