Wimbledon. (art) Die Menschen campieren noch immer entlang der Church Road, und die in ungeschlagenem Obers schwimmenden Karikaturen von dem, was man hierzulande unter feldfrischen Erdbeeren versteht, werden auch wieder zu völlig überteuerten Preisen feilgeboten. Und natürlich überschlagen sich die englischen Medien wie seit geraumer Zeit üblich auch diesmal mit Analysen über die Chancen des Schotten Andy Murray auf den ersten britischen Grand-Slam-Sieg seit Fred Perry in den Dreißigerjahren.

Manchmal hat man im All England Lawn Tennis and Croquet Club das Gefühl, die Zeit scheint stillzustehen. Der Tradition fühlen sich die Briten eben verpflichtet, auch wenn sich hier schon so einiges geändert hat. Seit 2009 ist sogar das Dach des Centre Courts überdacht. Und diesmal wird sich beim dritten Grand-Slam-Turnier des Jahres überhaupt ein ungewohntes Schauspiel bieten: Wenn der Titelverteidiger am Montag um Punkt 13 Uhr auf den Platz schreitet, wird es weder Roger Federer, noch Rafael Nadal sein.

Der Serbe Novak Djokovic hat die jahrelange Herrschaft dieser beiden im Vorjahr mit seinem Finaltriumph über Nadal durchbrochen und nun die Ehre, das Turnier gegen den Spanier Juán Carlos Ferrero zu eröffnen. Davor war der letzte Wimbledon-Sieger, der nicht Federer oder Nadal hieß, Lleyton Hewitt im Jahre 2002. Manche Tennisfans können sich nicht einmal mehr daran erinnern, es war jene Zeit, in der man Kaugummis noch etatmäßig in Streifenform kaufen konnte.

Neuerliche Rochade?

Auch für Djokovic hat sich viel verändert seit seinem Sieg. Nach Wimbledon wurde er erstmals als Erster der Weltrangliste geführt, was er bis heute ist, "ich habe mir hier zwei Lebensträume auf einmal erfüllt", sagt er nun. Danach gewann der Serbe auch noch die US und die Australian Open, vor zwei Wochen musste er sich Nadal erst im Finale der French Open geschlagen geben. Denn der Spanier und auch dessen vorheriger Langzeitrivale Federer lassen nicht locker. Und galt Djokovic bis in den Herbst des Vorjahres quasi als unbesiegbar, ist es nun durchaus möglich, dass es heuer erneut hier, auf dem ehrwürdigen Rasen, eine Rochade an der Branchenspitze gibt.

Sollte Djokovic schon im Viertelfinale ausscheiden und Nadal das Turnier gewinnen, könnte er die Führung zurückerobern. Bessere Chancen hat aber derzeit der Schweizer, der zwar nur an dritter Stelle liegt, aber aufgrund des Viertelfinal-Outs im Vorjahr wenig Punkte zu verteidigen hat.

Gewinnt er zum siebenten Mal, womit er so nebenbei auch den Rekord von Pete Sampras einstellen würde, reicht Djokovic nicht einmal eine Halbfinalteilnahme. Federers Teilzeittrainer Paul Annacone ist überzeugt, dass der 30-Jährige, dem manche Kritiker schon die nötige Spritzigkeit auf seinem früheren Lieblingsbelag absprechen, noch immer das Potenzial dazu hat. "Er hat den Enthusiasmus eines 20-Jährigen", sagt er. "Und bei großen Turnieren ist es für Roger wie auf einer Cocktailparty: Er will einfach alles daran genießen." Wenn’s sein muss, auch die Erdbeerkarikaturen.