Zürich. Am Freitag hat bei Sepp Blatter das Telefon geläutet. Reinhard Rauball, Präsident der deutschen Liga, war am Apparat. "Er hat mir gesagt, ich solle zurücktreten", erzählte Fifa-Boss Blatter in einem Interview im Schweizer "Sonntagsblick". Und genau das tat Blatter dann auch. Allerdings muss er etwas falsch verstanden haben, denn Blatter legte nicht etwa sein Amt zurück, wie es Rauball gefordert hatte, der Fifa-Chef trat im wörtlichen Sinne zurück. Gegen Deutschland. "Gekaufte WM? Da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verließ." Auf die Nachfrage, ob er vermute, dass die WM von Deutschland gekauft worden sei, antwortet Blatter: "Nein, ich vermute nichts, ich stelle fest."

Dass Deutschland mit, nun ja, großen Anstrengungen an seinem Sommermärchen gebastelt hat, ist keine neue Erkenntnis. Die "Süddeutsche" schreibt von "erstaunlichen Sport- und Wirtschaftsdeals", die mit jenen Ländern abliefen, die im Exekutivkomitee der Fifa damals eine Stimme hatten.

So war und ist das System, wie auch die Vergaben an Russland 2018 und Katar 2022 bewiesen. Doch taugt diese Episode als Entlastungsargument für Blatter? Für den ehemaligen Fifa-Manager Guido Tognoni ist es vielmehr ein untaugliches Ablenkungsmanöver. "Blatter braucht einen Befreiungsschlag. Aber das ist ein Schuss in den eigenen Fuß, denn alles ist unter seiner Aufsicht geschehen", sagte Tognoni in der ARD. "Er hätte es damals stoppen können."

Für Sepp Blatter geht es dieser Tage um sein berufliches Überleben, was ihm angesichts der Fifa-Statuten aber gar nicht so schwerfallen sollte. Er wurde vom Kongress, also sämtlichen Mitgliedsverbänden, im vergangenen Jahr wiedergewählt, nur diese Versammlung, die erst wieder im Mai 2013 zusammentritt, kann den Präsidenten abwählen und einen Nachfolger bestimmen.

Doch Blatter ist seit der Veröffentlichung der Einstellungsverfügung der Ermittlungen gegen den Sportvermarkter ISL in der Defensive, schließlich schreibt ihm darin die Staatsanwaltschaft Zug Mitwisserschaft bei Schmiergeldzahlungen zu. In einer ersten Reaktion hatte Blatter diese Zahlungen als damals übliche Provisionen erklärt. In dem Interview vom Sonntag spricht er nun davon, dass er erst nach 2001, als der Sportvermarkter ISL Konkurs anmeldete und die Ermittler auf Zahlungen in dreistelliger Millionenhöhe stießen, Kenntnis über die jahrelange Praxis der Zahlungen erlangte.