Schatten über Reformprozess

Auch das Interview selbst ist wohl als ein Akt der Selbstverteidigung anzusehen. Blatters Medienberater Walter De Gregorio war einst Sportchef des "Blick", gemeinsam mit dem Herausgeber der "Weltwoche", Roger Köppel, hatte De Gregorio schon vor eineinhalb Jahren ein streichelweiches Interview mit Blatter geführt, nachdem die "Sunday Times" Bestechungspraktiken innerhalb der Fifa aufgedeckt hatte. Auf dem Cover der "Weltwoche" stand damals ein Zitat: "In der Fifa gibt es keine Korruption". Im Oktober 2011 wurde De Gregorio dann Medienchef der Fifa.

Heute, Dienstag, tagt in Zürich das Exekutivkomitee der Fifa. Dabei soll der Reformprozess verabschiedet werden, dem sich der Fußballweltverband nach Aufdeckung der Skandale verschrieben hat. Doch auch wenn sich die Fifa dafür teils renommierte Experten geholt hat, wie etwa den Schweizer Strafrechtler Mark Pieth, fehlt es der Fifa und Blatter nach den jüngsten Vorkommnissen an Glaubwürdigkeit. Auch der Deutsche Fußballbund ist auf Distanz zu Blatter gegangen. "Diese Sitzung ist total überschattet von dem, was jetzt öffentlich geworden ist", sagt DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. "Die Reaktion des Fifa-Präsidenten hat mich schockiert."

Blatter hätte Mehrheit

Innerhalb Europas steht Blatter recht alleine da, doch seine Freunde hatte der Schweizer immer schon woanders, in Amerika, in Afrika, teilweise in Asien. Doch Blatters Welt ist nach den (erzwungenen) Rücktritten von Brasiliens mächtigem Boss Ricardo Teixeira und Blatters langjährigem Stimmenbeschaffer in Nordamerika, Jack Warner, brüchig geworden. Ex-Fifa-Manager Tognoni glaubt dennoch, dass Blatter weiterhin eine Mehrheit finden würde. "Wenn morgen ein Kongress einberufen würde mit 208 Verbänden, hätte Sepp Blatter keine große Mühe, 105 Verbände auf seine Seite zu ziehen", sagt er in der ARD. Liga-Chef Rauball blieb auch der Einzige, der offen eine Rücktrittsaufforderung aussprach. Auch vom ÖFB kommt keine: "Es wird keine offizielle Forderung geben, es ist ja auch kein österreichischer Funktionär da nahe dran", sagt ÖFB-Präsident Leo Windtner gegenüber der "Wiener Zeitung".

Blatter hatte im Vorjahr bei seiner dritten Wiederwahl klargemacht, dass es seine letzte Amtsperiode sein würde. Die Ankündigung war ein Wahlzuckerl für die Unentschlossenen. Im "Sonntagsblick" sinniert Blatter nun plötzlich über ein erneutes Antreten. "Ausschließen würde ich es nicht. Schauen wir mal, wie es mir gesundheitlich geht."