London. (art) Die Veranstalter des World Tour Finales sind nicht für Understatement bekannt, mangelnden Gigantismus kann man ihnen bestimmt nicht vorwerfen. Vor den Partien bahnen sich die Tennisspieler ihren Weg von den Kabinen auf den Platz durch Schwaden aus Bodennebel und Lichterkegeln, aus den Boxen dröhnen bombastische Klänge, die etwas Großes verheißen sollen. Es soll nur ja kein Zweifel aufkommen, dass man als Zuschauer in der O2-Arena hier Zeuge von etwas ganz Großem wird.

Natürlich ist das alles hauptsächlich Inszenierung, und die Wahrheit liegt halt nicht nur im Fußball auf dem Platz. Doch immer öfter kann diese Realität - und das ist am Ende eines Jahres, in dem die Topspieler zehneinhalb Monate praktisch durchgehend auf Tour waren, nicht selbstverständlich - mit den Verheißungen tatsächlich Schritt halten. Wie an diesem Montagabend, an dem sich die Nummern eins und zwei der Welt, Novak Djokovic und Roger Federer, ein Finale auf höchstem Niveau lieferten, in dem am Ende Djokovic mit 7:6, 7:5 gewann. "Wir haben uns ans Maximum getrieben", sagte der Serbe danach.

Freilich war die Aussage auf das Endspiel gemünzt, in dem Kleinigkeiten wie das konstantere Service und Nervenstärke in den heiklen Momenten zugunsten des Branchenprimus entschieden, nachdem sein Schweizer Kontrahent in beiden Sätzen schon mit einem Break voran gelegen war. Man kann sie aber auch weiter fassen, auf das gesamte Herrentennis, das derzeit eine selten dagewesene Hausse erlebt. Die Zeiten der bisweilen eintönigen Zweisamkeit zwischen Roger Federer und dem derzeit verletzten Rafael Nadal sind vorbei, Djokovic hat sich vorgeschoben und seinen aktuellen Status als bester Tennisspieler mit dem Masters-Sieg bestätigt, nachdem er schon zu Beginn des Jahres bei den Australian Open triumphiert hatte.

Breite Spitze

Andy Murray wiederum hat sich mit seinem ersten Grand-Slam-Sieg, jenem bei den US Open, und dem Olympia-Triumph für weitere Großtaten empfohlen. Federer hat heuer in Wimbledon seinen 17. Grand-Slam-Titel geholt, sich zwischenzeitlich wieder zur Nummer eins gemacht und entgegen schon mancherorten angestimmter Abgesänge bewiesen, dass auch mit 31 Jahren noch mit ihm zu rechnen ist. Diese drei - und mit Abstrichen auch Nadal, so er seine Knieprobleme in den Griff bekommt - werden auch das kommende Tennisjahr prägen, doch die Lücke zu den dahinterliegenden Spielern wie dem spanischen Dauerläufer David Ferrer, dem Tschechen Tomas Berdych, dem Argentinier Juan Martin Del Potro sowie dem Franzosen Jo-Wilfried Tsonga ist kleiner geworden. Del Potro hatte etwa das letzte - schon bedeutungslose - Gruppenspiel gegen Federer gewonnen und ihm auch bei dessen Heimturnier in Basel eine schmerzhafte Niederlage zugefügt.

Das Niveau, zu dem sich die Spitzenspieler in dieser Saison gepeitscht haben, in der die vier Grand-Slam-Turniere an vier verschiedene Akteure gingen, nötigt indessen auch der Altherrengarde Respekt ab. "Diese Generation ist einfach unglaublich", sagte Pete Sampras zu "USA Today". Und Andre Agassi wies darauf hin, dass er zu seiner Zeit als erst fünfter Spieler bei allen vier Majors triumphieren konnte - "und jetzt haben wir bald drei in einer Generation, die das binnen weniger Jahre schaffen." Tatsächlich haben Federer und Nadal dieses Kunststück schon vollbracht, Djokovic greift 2013 danach. Ihm fehlt nur noch ein Titel bei den French Open zur Komplettierung seiner außergewöhnlichen Sammlung. An diesem bombastischen Abend in der Londoner O2-Arena war das freilich kein Thema: "Die Saison hätte nicht schöner anfangen und enden können", sagte er. Eben am Maximum.