São Paulo. Es mag ja von Vorteil sein, das Nesthäkchen zu sein. Im Fall von Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel darf man annehmen, dass er sich in seiner Rolle des jungen und wilden Angreifers durchaus gefällt. Denn wenn der 25-Jährige eines gelernt hat, dann das eine: Frechheit siegt. Taktisch denken und ruhig einen Platz nach Hause fahren? Das ist seine Sache nicht. Vettel liebt die Herausforderung, will riskieren - auch wenn ihn das Punkte kosten könnte.

Solange er erfolgreich ist, kann der Deutsche sich das auch leisten. Aber selbst schwerere Schnitzer und Verhaltensauffälligkeiten wurden mit Verweis auf seine Jugendlichkeit gnädig nachgesehen. Und dass das gar nicht unbedingt mit dem Autofahren zu tun haben muss, zeigt unter anderem Vettels schwieriges Verhältnis zur Nummer zwei im Team: Mark Webber. Ihr Bild erinnert oft an den Sandkistenstreit kleiner Kinder, als an ein Team, das gemeinsam für den Titel kämpft. Mit der Folge, dass dieses Duell um Aufmerksamkeit und Anerkennung nicht auf Pressekonferenzen beschränkt bleibt, sondern öfters auch einmal auf der Piste seine Fortsetzung findet. Welcher Rennstall kann sich das eigentlich leisten?

Ebenfalls typisch für Nesthäkchen ist, dass sie oft den Eindruck erwecken, stets auf die Butterseite des Lebens zu fallen. Als würde Vettels Risikofreude und Schnelligkeit nicht schon genügen, weiß der Doppelweltmeister auch noch mit Red Bull den derzeit besten Rennstall hinter sich. Die Paarung von viel Know-how (Adrian Newey) und viel Geld (Dietrich Mateschitz) macht’s möglich.

Zahlen sprechen gegen
eine Ferrari-Sensation

Und läuft es da einmal vor lauter Übermut auf der Strecke nicht so gut, darf sich Vettel auch hier auf den für alle Nesthäkchen gültigen Grundsatz "Der Papa wird’s schon richten" verlassen. Wie das geht, hat Red Bull erst kürzlich vorgezeigt: Als der Deutsche in der ersten Saisonhälfte drohte, von seinem Konkurrenten um den Titel, Fernando Alonso, unerwartet abgehängt zu werden, war es Red- Bull-Chefkonstrukteur "Papa" Newey, der ein paar technische Feinheiten aus dem Hut zauberte und damit das Kräfteverhältnis plötzlich wieder umdrehte.

Auf all dies kann Alonso nicht zurückgreifen. Weswegen er auch als lebende Antithese zu Vettel interpretiert werden kann. Jugendlicher Leichtsinn? Das war einmal, gilt doch der Spanier heute als gereifter Stratege und glänzender Taktiker, der sich in allein dieser Saison keinen einzigen Fehler erlaubt hat. Der brave große Bruder eben. Fürs Nesthäkchendasein ist da der Doppelweltmeister mit seinen 31 Jahren bereits zu alt. Auch für Kindereien auf der Piste, wo Alonso lieber die sicheren Punkte sammelt, als ein unnötiges Risiko einzugehen. Unterstützt wird er dabei von seinem Teamkollegen, dem Brasilianer Felipe Massa, der nicht bloß einmal eine gute Startposition zugunsten Alonsos aufgegeben hat. Bei Webber wäre eine solche Geste undenkbar.

Trotz allem wird es für Ferrari am Sonntag, wenn in Interlagos das letzte Saisonrennen gestartet wird (17 Uhr MEZ/live ORF eins), nicht leicht. Vettel (273 Punkte) liegt nach wie vor mit 13 Zählern vor Alonso (260). Selbst wenn der Verfolger gewinnen sollte, reicht dem Deutschen bereits Platz vier für den WM-Hattrick. Wird Alonso Zweiter, genügt ihm Rang sieben. Gegen die mögliche Sensation eines Ferrari-Erfolges spricht auch, dass sich das Autodromo José Manuel Pace in den vergangenen drei Jahren als perfekte Red- Bull-Strecke entpuppt hat. Webber gewann in diesem Zeitraum zweimal auf dem 4,309 Kilometer langen Berg-und-Tal-Kurs, Vettel schaffte 2010 mit seinem Sieg die Grundlage für seinen ersten WM-Triumph. Alonso dagegen kam in bisher zehn Anläufen in São Paulo noch nie als Erster ins Ziel.

Aber was bedeuten schon Zahlen? Jedes Rennen hat seinen
eigenen Charakter. Es wird wohl eine Mischung aus Risiko und Gelassenheit brauchen, um in Interlagos den WM-Titel zu erringen. Nesthäkchen hin oder her.