São Paulo. (rel/apa) Nach dem ersten Schock kommt die Trauer, dann der Zorn - und mit ihm der Streit. Dass auch der Motorsportzirkus nicht vor den Gesetzen der Problembewältigungspsychologie gefeit ist, beweist aktuell wieder einmal der Rennstall des unglücklichen Vize-Weltmeisters Fernando Alonso: Ferrari. Für den Spanier sowie für den italienischen Autobauer war der Sonntag kein guter Tag. Er steht nun am Ende einer langen Kette von Unglücksfällen und Fehlentscheidungen. Und einer neuerlich verspielten Weltmeisterschaft, die eigentlich diesmal an Ferrari hätte gehen sollen.

Dabei ist die Suche nach einer Erklärung dafür, wie der an sich sichere 44-Punkte-Vorsprung von Fernando Alonso vom Sommer innerhalb weniger Monate an den neuen Dreifachweltmeister Sebastian Vettel verloren werden konnte, längst zu einer Jagd nach dem Sündenbock ausgeartet. Und der heißt - wie bei der letzten großen Niederlage in Abu Dhabi 2010 - neuerlich Ferrari. So sehen es zumindest die Tifosi und natürlich auch die italienische Presse. "Fernando hat sich nichts vorzuwerfen. Nicht er, vielmehr Ferrari hat die WM verloren, weil es Alonso nach Monza kein Siegerauto mehr stellen konnte", schrieb die "Gazzetta dello Sport" in ihrer Montagausgabe. Und "Tuttosport" sekundierte: "Gebt doch Alonso endlich ein ordentliches Auto."

Es ist kein angenehmer Canossagang, den Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali am Montag antreten musste. "Wir können nicht die Tatsache ignorieren, dass wir nicht in der Lage waren, ihm ein schnelleres Auto zu geben", bat der Italiener Alonso um Entschuldigung. "Das ist uns teuer zu stehen gekommen. Wir stehen in der Schuld unserer Fahrer, und diese Schuld wollen wir so schnell wie möglich tilgen." An ein Köpferollen wie zuletzt bei der Pleite 2010 denkt man bei Ferrari vorerst allerdings noch nicht. "Wir müssen uns sofort auf die nächste Saison konzentrieren und vom Start weg ein Auto haben, das im höchsten Maß konkurrenzfähig ist", so Ferrari-Boss Luca die Montezemolo.

Jenson Buttons Sieg ging im Jubel um Vettel unter

Allein für Alonso ist das nur ein schwacher Trost. "Wenn man kein Gold hat, gewinnt Silber an Wert", philosophierte er nach dem Drama von São Paulo via Twitter. Und seinem Konkurrenten Vettel ließ er trotzig ausrichten: "Wir haben vielleicht nicht die meisten Punkte geholt, aber dafür jedermanns Respekt gewonnen. Und Fans und Kollegen sind sich einig, wer dieses Jahr der Beste war."

Im Lager von Red Bull ging die Kritik jedoch im Jubel unter. Noch nie war dort ein sechster Rang so frenetisch gefeiert worden. Es hätte auch anders ausgehen können. So musste sich Vettel nach einem glimpflichen Unfall in der Startrunde mit einer Delle im Auspuff und bei Regen vom letzten Platz auf Rang sechs vorschieben - was ihm mit etwas Glück auch gelang. Am Ende haben drei Punkte den Ausschlag gegeben. Um Red Bull zu schlagen, hätte der zweitplatzierte Alonso in Interlagos gewinnen müssen. Die Ziellinie als Erster erreicht hat schließlich Jenson Button, die meisten Gratulationen gingen aber an Vettel. Unbemerkt blieb auch Ex-Weltmeister Michael Schumacher, der am Sonntag seine Formel-1-Karriere auf Rang 7 still und heimlich beendet hat.

In Österreich wiederum haben am Wochenende bis zu 1,2 Million Menschen Vettels Aufholjagd im Fernsehen mitverfolgt und damit dem ORF einen Quotenhit beschert. Aber auch sonst haben die Österreicher in nächster Zeit genügend Gelegenheit zum Vettel-Schauen. Am Samstag kommt der Dreifachweltmeister in die Grazer Altstadt, am 3. Dezember wird er in Salzburg erwartet.