Melbourne. (art/apa) Novak Djokovic nahm die Fragen nach der Historie gleich vorweg, es wäre eh kein Interview vergangen, in dem er nicht darauf angesprochen werden würde. Jedes Tennis-Turnier, jedes Major, sei speziell, sagte er, nachdem er Andy Murray im Finale der Australian Open mit 6:7, 7:6, 6:3, 6:2 niedergerungen hatte. Aber dieses stehe auf seiner Liste eben noch ein bisschen höher.

"Heute kommt der historische Aspekt dazu, dieses Turnier als erster Spieler in der Profi-Ära dreimal hintereinander gewonnen zu haben", sagte er und schickte gleich eine Liebeserklärung an das "Happy Slam" genannte Turnier hinterher: "Das ist definitiv mein Lieblings-Grand-Slam. Ich liebe dieses Turnier, ich liebe diesen Court."

Tatsächlich hat Djokovic in Australien nicht nur mit seinem dritten Titel in Folge einen neuen Rekord aufgestellt, sondern hier auch vor mittlerweile fünf Jahren sein erstes Major gewonnen. Und seitdem hat er sein Spiel, das unmittelbar nach dem Premierenerfolg noch etwas labil war, perfektioniert: Er hat auch mittels Ernährungsumstellung seine Fitness verbessert, sich Variantenreichtum erarbeitet und nicht zuletzt die Fähigkeit, mit Fortdauer eines Spiels immer besser werden zu können.

Und jetzt noch Paris

Auch im Finale war dies offensichtlich: War das Spiel, das unglaubliche 33 Games bis zum ersten Break dauerte, zunächst lange Zeit ein Kräftemessen auf Augenhöhe gewesen, legte der Serbe im vierten Satz noch zu und dominierte den immer müder wirkenden und von Blasen auf dem Fuß gezeichneten Murray schließlich deutlich. Der US-Open- und Olympiasieger sieht sich zwar weiter auf einem guten Weg, musste aber die Vormachtstellung seines Finalbezwingers anerkennen: "Was du hier geleistet hast, ist unglaublich. Du bist ein echter Champion", sagte er in Richtung Djokovic.

Dieser kündigte indessen gleich wieder Historisches an: Nun gelte sein Hauptaugenmerk dem Sieg bei den French Open, die er als einziges Grand-Slam-Turnier noch nicht gewinnen konnte. "Wenn ich mein bestes Tennis spiele, habe ich Chancen." Und dann wäre sogar ein Sieg bei allen Grand Slams binnen eines Kalenderjahres in Reichweite - zuletzt hat das Rod Laver 1969 geschafft.

Allzu kühn ist die These, dass Djokovic auch in Paris zu den ersten Siegkandidaten zählt, nicht: Rafael Nadal, der in den vergangenen Jahren als Regent von Paris gegolten hatte, kehrt erst kommende Woche nach einer langwierigen Knieverletzung auf die Tour zurück, man wird also erst sehen, was der Spanier noch zu leisten im Stande ist. Djokovic selbst sieht sich jedenfalls nach dem Titelgewinn in Melbourne für die kommenden Aufgaben gerüstet: "Das hat mir viel Selbstbewusstsein für die weitere Saison gegeben." Die Gegner werden es als Drohung verstanden haben.