Lausanne. Was haben Trampolinspringen, BMX-Fahren, Rugby und Golf gemein? In allen diesen Sportarten wird 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro um Medaillen gekämpft. Auch Ringen wird dabei sein. Natürlich. Ringen ist schließlich eine der traditionsreichsten Sportarten, war schon wichtiger Bestandteil der antiken Spiele, bei denen sogar in Lauf- und Wurfdisziplinen bei Unentschieden der Sieg ausgerungen wurde, und seit der ersten Austragung der Neuzeit 1896 stets im Programm. Olympia ohne Ringen, das war für viele nie im Bereich des Möglichen. Für das Internationale Olympische Komitee dagegen schon.

Wie die Exekutiv-Kommission nun mitteilte, erlebt Ringen in Rio de Janeiro seinen vorerst letzten Auftritt im Zeichen der fünf Ringe. Und seit Bekanntgabe dieser Entscheidung stellt sich für viele nicht mehr die Frage, ob Olympia ohne eine ihrer neun Kernsportarten vorstellbar ist - 1896 in Athen waren neben ihr nur die Leichtathletik, Gewichtheben, Fechten, Radsport, Schießen, Schwimmen, Tennis und Turnen vertreten -, sondern vor allem, ob das Ringen ohne Olympia langfristig existenzfähig ist. Schließlich bezieht der Weltverband Fila 60 Prozent seiner Einnahmen aus den Zuwendungen des IOC, auch die nationalen Förderungen sind stark vom Olympia-Status abhängig. Von Sponsoren- und TV-Geld lässt es sich zumindest in Ländern wie Österreich, in denen der Verband zwar rund 4000 Mitglieder zählt, Ringen aber nicht jene Rolle spielt wie etwa im osteuropäischen und asiatischen Raum, kaum leben.

Lobbying ist alles

So weit will man freilich noch nicht denken, zunächst herrschte quer durch alle Verbände einmal Fassungslosigkeit. "Ich kann mir das gar nicht vorstellen, es war nie die Rede davon", sagt Österreichs Verbandspräsident Thomas Reichenauer. Statt von einer Streichung sei man bis jetzt eher von einer Ausweitung ausgegangen, etwa einer Aufstockung der Bewerbe der Frauen, die erstmals 2004 auf die Olympia-Matte gingen, von vier auf sieben Gewichtsklassen. Schockiert reagierte man auch im Rest der Welt: In den USA wurde eine Unterschriftenaktion gestartet, damit sich das Weiße Haus mit der Causa beschäftigt, der griechische Verbandschef Kostas Thanos schlug vor, die Olympischen Spiele in "Business Games" umzunennen, sollte es bei der Streichung bleiben. Die Ringer hoffen nun, den Olympia-Status doch noch quasi über die Trostrunde zu erhalten. Bei einem Treffen mit IOC-Chef Jacques Rogge will Fila-Präsident Raphael Martinetti Reformvorschläge darlegen. Im Mai kann sich die Sportart dann gemeinsam mit den weiteren Kandidaten Baseball/Softball, Klettern, Karate, Rollschuhsport, Squash, Wakeboarden und Wushu auf der Exekutiv-Sitzung präsentieren. Dort wird entschieden, wer 2020 dabei sein darf. Allzu groß ist die Hoffnung für das Ringen aber nicht, durch die Hintertür wieder auf die Olympia-Bühne zu kommen. Die Fila gilt - anders als etwa der moderne Fünfkampf, der zuletzt als Wackelkandidat gehandelt worden war, dank geschickter Lobbying-Arbeit aber seinen Status erhalten hat -, als schlecht vernetzt.

Zudem hat sich Rogge seit seinem Amtsantritt 2001 einem Modernisierungskurs verschrieben und etwa die Jugendspiele durchgeboxt. Auch für die Sportarten gilt (offiziell): Gut ist, was gut ankommt bei der jüngeren Klientel, was hip, cool und gut vermarktbar ist. Das Ringen passt weniger in dieses Marketingkonzept - das sich allerdings bei näherer Betrachtung ohnehin als Etikettenschwindel erweist: Denn trotz der Bemühungen, Olympia attraktiv für die oft beschworene "Jugend der Welt" zu machen, nimmt das Interesse des Zielpublikums an den klassischen Spielen eher ab.

Jugend hat Idole woanders

Die einzige junge Sportart, die im Rahmen Olympischer Spiele tatsächlich funktioniert, weil Eventismus und Höchstleistungen Hand in Hand gehen, ist Beachvolleyball. In vielen anderen als trendig geltenden Sportarten sind die wahren Stars, deren Poster die Jugendzimmer auf der ganzen Welt zieren, in alternativen Formaten zu Hause, in denen auch mehr Geld zu holen ist. So sind BMX-Rennen zwar seit 2008 olympisch, die Freestyle-Stars aus der Halfpipe kommen aber nicht zum Zug. Im Windsurfen wiederum sind die Jugend-Idole in der World Tour of Professionals organisiert, sie brauchen Olympia ebenfalls nicht. Für andere, traditionelle Sportarten wie das Ringen gilt eher das Gegenteil.