Helsinki. (rel/apa) 560.000 Euro für die Nachwuchsförderung sind im Sport nicht viel. Dass aber Eishockey in Österreich nicht denselben hohen Stellenwert besitzt wie vielleicht Fußball, Skifahren oder die Formel 1, mag auch da nur bedingt als Ausrede gelten.

Immerhin eines kann man dem österreichischen Eishockey-Verband, dessen Auswahl bei der Eishockey-WM in Helsinki mit Ernsthaftigkeit und Mut um den Klassenerhalt kämpfte - das entscheidende Spiel gegen den 24-fachen Weltmeister Russland war zu Redaktionsschluss noch im Gange - und auf diesem Wege mit der Slowakei sogar den amtierenden Vize-Weltmeister besiegt hat, nicht nachsagen. Dass man sich zu wenig um den Nachwuchs kümmere, oder dass die Ideen fehlen.

Denn Ideen hat Teamchef Manny Viveiros genug. Beim Spielsystem etwa. Seit zwei Jahren bereits feilt der Coach an einer besseren Zusammenschau von Teamstärke und Strategie. Und auch wenn Viveiros bei der Spielerauswahl keinen großen Schnitt gemacht hat, so hat sich das Team 2013 bisher viel besser präsentiert als in den Jahren davor. Der Teamchef selbst begründet die Steigerung mit der positiven Einstellung, die mittlerweile in der Nationalmannschaft Platz gegriffen habe. "Du kannst eine Mannschaft mit 25 Top-Spielern haben, wenn sie kein Team ist, bringt das nichts", sagt er.

Angesichts der guten Leistung, die Thomas Vanek und Co. bei der WM abgeliefert haben, kann man davon ausgehen, dass die Chemie zwischen den Spielern dieses Mal tatsächlich stimmt. Indem sie an dem von Viveiros vorgegebenen Defensivsystem konstant festhielten und gleichzeitig aber aggressives Forechecking betrieben, hatten die Österreicher in immerhin fünf der sechs bisherigen Partien zumindest einen Punkt oder gar einen Sieg in Griffweite. Dass hier nur die Auswahl von WM-Gastgeber Finnland imstande war, dem rot-weiß-roten Team beim 2:7 am Samstag die Kluft zur absoluten Weltklasse aufzuzeigen, spricht für den vom Teamchef eingeschlagenen Weg.

Defensivspiel am Lehrplan der Eishockey-Jugend

"Wenn wir da Mann gegen Mann spielen, haben wir keine Chance, die Gegner sind zu stark", erklärt der Coach. Aus diesem Grund sei die Beibehaltung des Defensivsystems, aber auch der nötige Variantenreichtum im Aufbau, Forechecking und Penalty-Killing umso wichtiger. "Wenn man die Stürmer der Gegner sieht, so groß und stark, dann müssen wir vor dem Tor kompakt sein", fügt er hinzu.

Aber was nutzt alle Strategie, wenn es das Personal nicht umzusetzen weiß? Denn dass Stars wie Vanek oder Bernhard Starkbaum nicht ewig im Nationaldress spielen werden, dessen ist sich Viveiros durchaus bewusst. Weswegen er die Grundstruktur des Systems auch auf die nationalen U18- und U20-Auswahlen, die derzeit in der dritten beziehungsweise zweiten Leistungsstufe spielen, zu Anwendung bringen möchte. Dass aktuell kein Teenager auf dem Sprung ins A-Team ist, hält der Nationaltrainer nicht weiter für schlimm. "Wir wissen, dass wir mehr und besser ausgebildete junge Spieler produzieren müssen", bekennt Viveiros und nennt die französische Talente-Schmiede mit rund 9000 Nachwuchsspielern als Vorbild.

Zu den aussichtsreichsten Kandidaten fürs Team im 2300 Mann starken heimischen Nachwuchsmarkt zählen unter anderem Martin Schumnig und Raphael Herburger. Um die Zahl der Kandidaten für das Nationalteam zu erhöhen, haben die Verbandsfunktionäre begonnen, sich auch im Ausland nach jungen Talenten umzusehen. Zuletzt fündig wurde man in der Schweiz, dessen Auswahl bei der WM mit Siegen gegen Kanada, Schweden und Tschechien für Furore gesorgt hat.

Scouts suchen im Ausland nach jungen Talenten

Es handelt sich demnach um einen ungenannten Spieler, der neben dem Schweizer auch den österreichischen Pass besitzt und noch nicht von den Eidgenossen angeheuert wurde. Im österreichischen Team gefragt seien vor allem Mittelstürmer und Verteidiger, Positionen, die aktuell und in naher Zukunft dünn besetzt sind, heißt es aus dem Verband.

Wie auch immer, mit der Leistung seiner Spieler bei der laufenden WM kann Viveiros - mit oder ohne Klassenerhalt - auf jeden Fall zufrieden sein. "Wir hatten in fünf von sechs Partien eine realistische Chance auf einen Sieg. Ich bin stolz auf die Burschen."