Seit Beginn des Confederations Cup in Brasilien überschatten Proteste gegen Milliardenausgaben für die WM 2014, Korruption und soziale Missstände das sportliche Geschehen. Vor dem Match Brasilien gegen Mexiko, bei dem sich die Gastgeber mit einem 2:0 ebenso wie Italien fürs Halbfinale qualifizierten (weitere Ergebnisse und Berichte auf www.wienerzeitung.at), versuchten Demonstranten sogar, die Austragung der Partie zu verhindern. David Fleischer, emeritierter Professor der Universität in Brasília, erklärt, warum die Menschen trotz des sportlichen Erfolgs unzufrieden sind.

"Wiener Zeitung": Warum kommt es ausgerechnet jetzt zu der Protestwelle? Den Brasilianern geht es doch heutzutage deutlich besser als in der Vergangenheit.

David Fleischer: Wegen des Fußballs. Es ist einfach ein guter Moment für Proteste, die ganze Welt schaut auf Brasilien. Ich prophezeie, dass das nach dem Confed-Cup schnell wieder abklingt. Und nächstes Jahr, wenn die Mannschaften und die Touristen hier sind, beginnt es wieder.

Aber kann eine Bewegung ohne Führung so taktisch vorgehen?

Facebook! Sicher, es gibt heute keine Institutionen, die das lenken, so wie 1992, als der Studenten-, der Anwalts-, der Journalistenverband für das Impeachment gegen Präsident Collor wegen Korruption eintraten. Durch die Kommunikation per Internet läuft es anonymer. Und anarchistischer.

Wieso anarchistischer? Gewalt kommt doch eher punktuell vor.

Sicher, die allermeisten Demonstranten sind friedlich. Aber dass in São Paulo und in Belo Horizonte zeitgleich die Rathäuser angegriffen werden, ist für mich kein Zufall.

Wer würde das orchestrieren?

Die extreme Linke womöglich, deren Fahnen auf den Demonstrationen ja ausdrücklich unerwünscht sind. Aber ich räume ein, dafür gibt’s keinen Beweis.

Wie beurteilen Sie die Reaktion der Behörden?

Als eher ungeschickt. Sie hätten ja in den elektronischen Medien herausfinden können, wann wo demonstriert wird, und dennoch schien der Staat oft völlig überrascht zu sein. Als sich die Demonstranten hier in Brasília vor dem Kongress zusammenrotteten, war erst mal kein Polizist zu sehen. Generell ist die Polizei schlecht ausgebildet für solche Fälle, und die Führung hat sich ungeschickt verhalten.