Schwechat. Im Foyer werden noch rasch Kabeln verlegt und Lichter montiert, aus der Haupthalle klingt stakkatoartiges Klackern. Es ist jenes Geräusch, das man ansonsten aus dem Urlaub kennt, wenn ein paar Hobbyspieler für einmal im Jahr ihre Tischtennisschläger aus der verstaubten Ecke holen, nur halt viel schneller. Schließlich trainiert hier, im Multiversum Schwechat, an diesem Vormittag das österreichische Damen-Nationalteam, das am Freitag (10 Uhr) mit dem Spiel gegen die Türkei die EM eröffnet. Für zehn Tage wird die Sport- und Veranstaltungshalle südöstlich von Wien dann zum Zentrum des europäischen Tischtennis-Sports, ausgespielt werden Medaillen in den Mannschafts-, Doppel- und Einzelbewerben.

Am Tag davor ist davon freilich noch recht wenig zu sehen. Riesige Plakate, die auf das Ereignis verweisen, sucht man in Wien und Schwechat vergeblich, beim Training sind die Tribünen leer. Nur unten auf dem Centre Court ist die Anspannung zu spüren. Liu Jia, Österreichs unangefochtene Nummer eins, die alle nur "die Susi" nennen, seit sie in den Neunzigern als Teenager von China nach Linz gekommen ist und sich an dem gleichnamigen Apfelsaft nicht satt trinken konnte, gönnt sich keine Pause. Zwar hat das österreichische Team durch die gebürtige Deutsche Amelie Solja und die gebürtige Moldawierin Sofia Polcanova zuletzt tatkräftige Unterstützung bekommen, doch noch immer ist Liu das Um und Auf der Mannschaft.

Ihr Spiel gegen die türkische Nummer eins Hu Melek, in der Weltrangliste als 38. etwas schlechter platziert, werde demnach der Schlüssel gegen die Türkinnen werden, sagt Nationaltrainer Liu Yan Jun, der die heimische Topspielerin seit ihren ersten Tagen in Österreich betreut.

Österreich fordert Deutsche

"Hu ist eine sehr gute, schnelle Spielerin, gegen die Susi meistens gewonnen hat, aber es war immer sehr knapp. Wenn wir dieses Spiel gewinnen, wird es sehr viel leichter für uns, sonst ganz schwer", meint der Teamcoach.

Die 31-Jährige, vor acht Jahren schon einmal Europameisterin, habe sich vor allem durch ihr Antreten beim Weltcup in Kobe vor zwei Wochen mental in den richtigen Wettkampfmodus gebracht. "Ich fühle mich gut wie lange nicht. Ich denke, ich kann jede schlagen", sagt sie nach dem Training. Dass sie beim Weltcup den Einzug ins Viertelfinale verpasst hat, bereitet weder ihr, noch dem Trainer Sorgen. "Was zu gewinnen war, hat sie gewonnen. Und sie hat Großes vor", sagt er. Und er braucht gar nicht zu betonen, dass damit ein Medaillengewinn gemeint ist. Einen solchen hatte auch das österreichische Herren-Team im Kopf - bis zur Auslosung zumindest. Dann bekam man Deutschland als Achtelfinalgegner (Freitag, 18 Uhr) serviert - "und plötzlich müssen wir aufpassen, nicht gegen den Abstieg zu spielen", sagt Stefan Fegerl.

Daran, dass die Deutschen auch ohne Rekord-Europameister Timo Boll, aber mit dem zweiten Topstar Dmitrij Ovtcharov Favorit sind, gibt es keinen Zweifel, aber die Papierform interessiert Neo-Chefcoach Jarek Kolodziejczyk herzlich wenig. "Es zählt nur, was an diesem Tag gebracht wird", sagt er. Der Heimvorteil sei dabei nicht zu unterschätzen. "Wir trainieren tagtäglich in der Halle, und wir hoffen natürlich auf viele Zuschauer, die uns unterstützen werden."

Wie viele tatsächlich den Weg nach Schwechat finden werden, ist derweil auch für die Veranstalter schwer abzusehen, der Vorverkauf laufe gut, heißt es nur. In der Haupthalle haben etwas mehr als 2500 Zuschauer Platz, davon entfällt allerdings ein beträchtlicher Teil auf VIPs und Journalisten. In die Nebenhalle in der Werner-Schlager-Academy dürfen maximal 700 Menschen hinein. Für eine WM wäre der Komplex damit eine Nummer zu klein, für eine EM reicht’s aber allemal. Kolodziejczyk appelliert jedenfalls an die Fans, für Heimstimmung zu sorgen: "Ein größeres Zuckerl, als daheim gegen Deutschland zu spielen, gibt es nicht." Dafür, dass zumindest die Optik stimmt, haben die Veranstalter schon vorgesorgt: Am Eröffnungstag werden 500 rot-weiß-rote Fahnen verteilt. Und die Akustik, die passt mit Sicherheit - selbst wenn es vor allem das Stakkato-Ballklackern sein sollte.