Wien/Chennai. Wer denkt, dass Schach nur etwas für intelligente Menschen ist, der irrt. Hat man die Regeln einmal begriffen, sich ein wenig mit Strategie auseinandergesetzt und Sitzfleisch bewiesen, hat jeder und jede das Zeug zum Großmeister. Immerhin handelt es sich dabei nicht um ein gewöhnliches Spiel, sondern Sport.

Das glaubt zumindest der Wiener Schachexperte Stefan Löffler. "Um Schachgroßmeister zu werden, reicht es, wenn man eine gewisse Affinität zu Zahlen hat", erklärt er, als er vorsichtig den zuvor angebotenen Kaffee serviert. Sein Büro im zweiten Wiener Gemeindebezirk ist bis oben hin mit Spiele-Kartons und Literatur zum Thema Schach zugestellt. Löffler hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, nicht nur die großen Meister des Strategiespiels auf Schritt und Tritt zu beobachten und Kritiken über deren Siege und Niederlagen zu verfassen, sondern den Nachwuchs in Österreich für das alte Brettspiel zu begeistern. Um mit dem Unsinn, Schach sei nur etwas für besonders kluge Köpfe, aufzuräumen, tingelt er seit 2010 mit Schachlehrern durch die Wiener Schulen, erteilt Schachunterricht und veranstaltet Turniere für Kinder. Und das mit Erfolg.

Als Beispiel dafür, wie man es als Newcomer in die Oberliga des Schachsports schaffen kann, führt Löffler die Biographie des Norwegers Magnus Carlsen an. Sein erstes Profiturnier bestritt der heute 24-Jährige im Alter von neun Jahren, fünf Jahre später war er bereits Großmeister, sagt der Experte. Seit 2008 ringt Carlsen nun mit dem indischen Schachspezialisten Viswanathan Anand um die Nummer eins in der Weltrangliste. "Das nächste Turnier zwischen den beiden Spielern wird im Rahmen der Schach-WM am 9. November in Chennai ausgetragen", fügt Löffler, der bereits Reisepläne schmiedet, hinzu. "Auch Carlsens Trainer Garri Kasparow wird bei diesem Ereignis dabei sein."

Zu den wenigen Österreichern, die den Norweger persönlich kennen, zählt der Kärntner Schachgroßmeister Markus Ragger. Dass Spieler wie er oder Carlsen immer wieder als Wunderkinder bezeichnet werden, hört er nicht so gern. Vielmehr gehe es im Schach nicht nur um intelligente Züge, sondern auch um einen "ultimativen Geisteswettkampf" zwischen Spielern unterschiedlichen Charakters und ihrer eigenen Persönlichkeit, erklärt Ragger im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Deshalb sei es auch sehr schwer, hinter Carlsens Erfolgskonzept zu kommen. "Eine Stärke ist sicher seine große Unberechenbarkeit", sagt der Kärntner. Im kommenden WM-Turnier sieht er Carlsen als Favorit, auch wenn Ragger zugeben muss, dass sich Anand weiterentwickelt hat. "Er spielt heute ganz anders als vor 20 Jahren und kann sich psychologisch auf seinen Gegner einstellen", meint er.

Auch Schachprofis erhalten Besuch von Dopingkontrolle

Immerhin, seit Schach vor Jahren als Sportdisziplin anerkannt wurde, lässt sich mit dem Verschieben von Figuren - je nach Niveau - gutes Geld verdienen. Demnach soll Carlsen auf eine Million Euro, Großmeister Ragger hingegen auf nur 45.000 Euro pro Jahr kommen. Weswegen es bisweilen vorkommen kann, dass bei Turnieren auch betrogen oder sogar gedopt wird, wie Löffler erklärt. "Von Beruhigungsmitteln über kleine Ohrensender bis zum Handybetrug ist schon alles da gewesen." Allerdings sei es nicht einfach, Betrug nachzuweisen, weswegen es bei Weltmeisterschaften und den alle zwei Jahre stattfindenden sogenannten Schach-Olympiaden immer wieder zu Anschuldigungen und Verdächtigungen gekommen sei, sagt er. "Darüber hinaus müssen sich Schachspieler auch regelmäßig Dopingkontrollen stellen."

Allein bei Löffler und seinem Lehrerteam stehen nicht Starallüren und Tricksereien, sondern Demut, Fair Play und sogar gesunde Ernährung auf dem Lehrplan. Immerhin ist ja Schach nicht nur ein Denk-, sondern auch ein Ausdauersport. Für die Begegnung Carlsen gegen Anand in Chennai sind 20 Spieltage veranschlagt.