Melbourne. Das mit Australien sollte sich Dinko Jukic vielleicht noch einmal überlegen. Gut, dass sich in Grant Hackett und Ian Thorpe gleich zwei Granden des Schwimmsports aus Down Under beinahe zeitgleich wegen Tablettensucht beziehungsweise Depressionen in stationäre Behandlung begeben mussten - wie Thorpe vor drei Wochen wurde nun Hackett dieser Tage in verwirrtem Zustand in der Öffentlichkeit aufgegriffen und in eine Klinik gebracht -, mag ein blöder Zufall sein. Doch auch sonst ist von der goldenen Generation, deren Vertreter der 33-jährige Hackett und sein um zwei Jahre jüngerer Landsmann waren, wenig übrig geblieben.

Acht Olympia-Goldmedaillen haben die beiden insgesamt gewonnen, drei Hackett, fünf Thorpe - das sind um sieben mehr, als alle australischen Schwimmer bei den jüngsten Olympischen Spielen zusammen erreicht haben. Statt Platz zwei im Medaillenspiegel wie noch vier Jahre zuvor in Peking gab’s 2012 in dieser Sportart nur Platz sieben, statt 20 Medaillen nur zehn. Nie war der Absturz einer einst führenden Nation so augenscheinlich wie in London. Dass er sich eigentlich bei näherer Betrachtung abgezeichnet hatte, weil auch 2008 in Peking ausnahmslos alle Olympiasiege auf das Konto der Damen rund die sich im Karriereherbst befindlichen Ausnahmeerscheinungen Leisel Jones und Lisbeth Trickett gegangen sind, wurde dabei gerne übersehen.

Kein Stein auf dem anderen

Das olympische Desaster von London jedenfalls wurde durch Meldungen über Undiszipliniertheiten innerhalb des Kaders, den vom eigenen Verband untersagten Gebrauch von (allerdings nicht auf der Dopingliste stehenden) Schlafmitteln sowie interne Streitigkeiten bis hin zum Mobbing noch vergrößert - und es hatte Auswirkungen: Die australische Sportkommission drohte dem einstigen Vorzeigeverband wie auch einigen anderen mit einer Kürzung der finanziellen Mittel, im Verband blieb kein Stein auf dem anderen.

Gute Trainingsbedingungen

Doch obwohl die australischen Schwimmer ihren Rang als größte Herausforderer der Top-Nation USA an Länder wie China, Frankreich oder die Niederlande abgeben mussten, gilt der fünfte Kontinent noch immer als Dorado für Athleten. Die Becken zwischen Perth, Brisbane, Melbourne und Sydney bieten ebenso optimale Voraussetzungen wie die klimatischen Verhältnisse, die Dichte an starken Trainingspartnern ist ebenso wie das trainingswissenschaftliche Know-how, Olympiasiege hin, interne Querelen her bestenfalls mit den USA vergleichbar.

Deshalb zieht es nun also Jukic, den Olympia-Vierten über 200 Meter Delfin, vermehrt nach Melbourne, wie er der Austria Presse Agentur (APA) erzählte. Dort kann er sich am Victorian Institute of Sport täglich mit den Mitgliedern des australischen Nationalteams messen. Dieser Tage bricht der 25-Jährige, der erst im Jänner von einem fünfwöchigen Aufenthalt zurückgekehrt ist, erneut zu einem Drei-Monats-Trip auf. "Länger geht es ohne Visum nicht", erklärt Jukic, der ein solches aber für die Zukunft beantragen will, um künftig noch mehr Zeit in seiner neuen Wahlheimat verbringen zu können. Vorerst will er versuchen, eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten, um an den australischen Meisterschaften Anfang April teilnehmen zu können; sollte dies nicht gelingen, will er wenigstens als Zuschauer in Brisbane dabei sein. "Schon wenn du solchen Assen zusiehst, lernst du immer etwas dazu", sagt er zur APA.

Und dazulernen steht nach einer langen Pause - nach London 2012 bestritt er auch aufgrund des mittlerweile beigelegten Streits mit dem heimischen Verband nur noch ein Rennen bei einem Meeting - ganz oben auf der Agenda. Schließlich hat er mit dem Gewinn der in London knapp verpassten Medaille ein äußerst ambitioniertes Ziel für Rio 2016 ausgegeben. Für seine neuen Trainingspartner freilich wird ein Stück Edelmetall nicht reichen, um wieder an die Vergangenheit anzuschließen und die Kritiker verstummen zu lassen.