New York. New York ist ja eine von diesen Städten, in denen das Finale einer Fußball-WM stattfinden könnte, und man würde, wenn man nicht gerade am Times Square herumsteht, nicht wirklich viel davon merken. Nicht, dass es hier nicht genug Fußballnarren gäbe, im Gegenteil. Aber die Stadt ist allein flächenmäßig so groß, dass ihre Straßen, Parks und Bars Begleiterscheinungen sportlicher oder andersartiger Großereignisse scheinbar mühelos aufsaugen. (Außer man fährt zur falschen Zeit mit dem Zug Richtung New Jersey. Aber das ist ja nicht New York und eine andere Geschichte.) Ausnahmen von dieser Regel finden extrem selten statt und nur unter einer einzigen Voraussetzung: dass eine heimische Mannschaft im Finale einer nationalen Meisterschaft steht, und die muss vorzugsweise aus dem Football, Baseball oder Basketball kommen.

Wenn sie das nicht tut, muss sie zumindest eine gute, große Geschichte zu erzählen haben: Zum Beispiel die vom ewigen Underdog, dem es nur alle 20 bis 50 Jahre vergönnt ist, nach den Sternen zu greifen. Nur so ist zu erklären, was sich da am Mittwochabend abspielte an einem Ort, an dem Autohuper sonst mit saftigen Strafen eingedeckt werden und chronische Lärmer schon einmal mit einem Aufenthalt im Häf’n bedroht werden - von den Cops, nicht von den sich beschwerenden Nachbarn.

Dankbarer Außenseiter

Die Sache ist aber nun mal die, dass die New York Rangers nicht nur im Finale der amerikanischen Eishockeymeisterschaft aka Stanley-Cup-Finale stehen, sondern sich ebendort bis Mittwochabend auch in einer scheinbar aussichtslosen Situation wiederfanden. 0:3 stand es aus ihrer Sicht in der Best-of-Seven-Serie bis dahin, und der Gegner, die Los Angeles Kings, machte keinerlei Anstalten, sich den Titel noch nehmen zu lassen.

Aber da waren einerseits diese 18.000 Zuschauer in der Eishalle und draußen, direkt vor der Tür, vielleicht nochmal so viele, und als man dann auf dem Heimweg die Rangers-Flagge auch noch aus den Fenstern der Projects, der Sozialwohnbauten in der Bronx, wehen sah, wusste man: Hier ist was passiert. Und es kann noch mehr passieren. Nachdem jetzt angesichts des nur mehr 1:3 lautenden Stands der Dinge jedes Match ein Endspiel ist, wird der Traum vom dritten Titel seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis dahin einfach weitergeträumt.

Die Chronologie der Ereignisse: Nervöse Rangers und selbstsichere Kings, aber die treten alle gegen Henrik Lundquist an, und schon im ersten Drittel stimmen die Fans die ersten Hymnen auf ihren Goalie an. Nach sieben Minuten und 25 Sekunden der Befreiungsschlag, Benoît Poliout mit einem Assist von John Moore. Die Außenseiterrolle, eine der dankbarsten, die es gibt. Wer ganz auf dem Boden liegt, dem wollen die Leute aufstehen helfen, und wenn es ein Team gibt, das Nämliches (weiß Gott nicht nur, aber besonders) in dieser Saison zur Kunstform erhoben hat, dann sind es die Männer von der West Side.

Teil der New Yorker DNA

Die New York Rangers sind so etwas wie das ultimative "Hometown Team"; davon abgesehen, dass sie ihre Heimspiele im Herzen von Manhattan austragen, sind ihre Farben Blau-Rot-Weiß, und das schon seit 1926.

Diese Informationen muss man im Kontext der aktuellen Ereignisse betonen, denn es gibt ja seit kurzem ein zweites Team, das innerhalb der Stadtgrenzen spielt. Die New York Islanders, früher im ländlichen Nassau auf der Halbinsel Long Island beheimatet, spielen seit Neuestem in Brooklyn. Dort hat ein russischer Oligarch mit Hilfe von HipHop-Mogul Jay Z das sogenannte Barclays Center hingebaut, eine der modernsten Mehrzweckhallen unserer Zeit.

Während die 1972 gegründeten Islanders also so etwas darstellen wie die Provinzbuben, die vor ihrem Umzug in die Stadt nicht wirklich am Radar standen, sind die Rangers Teil der New Yorker DNA. Vielleicht werden sie heuer auch deshalb so von den Leuten gemocht, weil sie spielen wie New Yorker: leidenschaftlich, aber cool - und hart, oft bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus.

Die Entscheidung im Spiel selbst fällt im zweiten Drittel, Martin St. Louis, der Held der Post-Season, schlenzt den Puck ins Kings-Netz, und obwohl Los Angeles nochmal so richtig Gas gibt, fällt bis zum Ende nur mehr der Anschlusstreffer. New York lebt, New York träumt weiter. Ganz laut.