Tokio. Mit modischer Brille und einem Kinnbart - so erwachsen gestylt hatte man den 28-jährigen japanischen Eiskunstläufer und früheren Weltmeister Daisuke Takahashi noch nicht gesehen. Sein Erscheinungsbild passte zu seinen Worten, wie sich herausstellen sollte. Spürbar aufgeregter, als man den sonst stets souverän wirkenden Spitzensportler kennt, trat er vor die Medien. Anfangs bekam er kaum einen geraden Satz heraus und entschuldigte sich dafür, er habe das schon eine Weile nicht mehr gemacht. Nach einer längeren, umständlichen Erklärung über seine Gedanken in letzter Zeit sagte er: "Einfach gesagt, ich trete vom aktiven Sport zurück."

Er entschuldigte sich für diese plötzliche Ankündigung - er selbst habe sich dazu erst vor einem Monat entschieden. Gleichzeitig sah er erleichtert und voller Vorfreude aus. "Ich habe beschlossen, auf ein neues Ziel hinzuarbeiten", erklärte er. Dafür, das sei ihm klar geworden, sei ein klarer Schnitt nötig, und damit sein Abschied vom Wettbewerbssport. Details über seine weiteren Pläne könne er noch nicht geben, darüber sei er sich selbst noch nicht im Klaren, sagte Takahashi. Japanische Medien berichten, Takahashi könne sich eine Karriere als Trainer vorstellen. Er selbst schloss eine mögliche Rückkehr in den aktiven Wettkampfsport nicht aus, er werde sicher weiter auf Schlittschuhen stehen. Nur scheint er im Moment nach neuen Zielen außerhalb des Eisrings zu suchen.

Premiere für Japan

Takahashis jüngster Auftritt bei den Olympischen Spielen in Sotschi ist schon einige Zeit her. Der damalige Kapitän des japanischen Teams konnte selbst keine Medaille holen und landete nur auf Platz sechs. Das tat seiner Beliebtheit jedoch keinen Abbruch. Er gehört zu den meistbewunderten Sportlern seines Landes, vor allem, seit er es bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver 2010 als erster Japaner im Eiskunstlauf auf das Stockerl geschafft und Bronze errungen hatte. Im gleichen Jahr gewann Takahashi als erster Japaner die Weltmeisterschaft. Er, die Eiskunstläuferin Mao Asado sowie der Nachwuchsstar Yuzuru Hanyu, der in Sotschi die erste Goldmedaille im Eiskunstlauf für Japan holte, sind die Aushängeschilder des Sports in Japan und sorgten für ein wahres Eiskunstlauffieber.

Dabei war es ein Zufall, der ihn zum Eiskunstlauf brachte. Der jüngste von vier Söhnen eines Tischlers und einer Kosmetikerin besuchte mit seiner Mutter ein neues Eislaufstadion in der Nähe seiner Heimat in der westjapanischen Präfektur Okayama. Seine Mutter hoffte, den damals Achtjährigen für Eishockey zu begeistern. Doch für ihren Sohn musste es Eiskunstlauf sein.

In der Saison 2001/2002 gab er sein Debüt bei den Junioren und gewann direkt die Nachwuchs-Weltmeisterschaft. Schon in der Folgesaison trat er bei den Erwachsenen an.

Frauenschwarm und Vorbild

Der sympathische und charismatische Sportler, der bekannt ist für seine Ausdrucksstärke auf dem Eis, hat viele Fans von Jung bis Alt, darunter viele Frauen. Ganz besonders bewundert wird er für seine Hartnäckigkeit und sein Durchhaltevermögen. Denn Takahashi konnte wegen eines Bänderrisses am Knie, der operiert werden musste, 2008 und 2009 kaum aufs Eis. Dokumentarfilmer begleiteten ihn damals bei der Rehabilitation, zeigten, wie er sich durchbiss, um wieder fit zu werden. Der junge Sportler ließ sich von Rückschlägen nicht entmutigen, im Gegenteil. Das Jahr danach, 2010, wurde das erfolgreichste seiner Karriere. Er gewann noch die Goldmedaille beim Grand Prix Finale der Internationalen Eislaufunion 2012. Insgesamt wurde er fünfmal nationaler Meister.

Doch im November 2013 machte ihm sein Knie wieder Probleme. Vierfachsprünge musste Takahashi deshalb in Sotschi abschreiben. Aus dem gleichen Grund verzichtete er auf die Teilnahme an der Weltmeisterschaft im März 2014 in der japanischen Stadt Saitama. Schon damals sagte Takahashi, er wolle sich über seine weitere Karriere als Eiskunstläufer Gedanken machen. Hinzu kommt offenbar der Wunsch des 28-Jährigen, sich selbst zu finden und neue Wege zu gehen. "Als ich bei Wettkämpfen mitmachte, habe ich nicht darüber nachgedacht, was ich als Nächstes tun wollte. Es gab ein Ziel nach dem anderen, und ich musste mich nicht entscheiden", sagte er und wirkte geradezu befreit. "Jeder muss sich entscheiden auf dem Weg zum Erwachsenwerden, und ich tue es nur später als die meisten."