Aachen. (art/apa) Für Victoria Max Theurer ist eine EM nichts Neues mehr. Die 29-Jährige ist nicht nur die Tochter von Elisabeth Max-Theurer, Goldmedaillengewinnerin bei den (allerdings von vielen Nationen boykottierten) Olympischen Spielen 1980 in Moskau, sondern auch Österreichs erfahrenste und aktuell erfolgreichste Dressurreiterin, Postergirl einer ansonsten medial eher unterbelichteten Sportart; in Aachen bestreitet sie bereits ihre siebente EM. Und doch wird es dieser Tage etwas Besonderes ein, wenn sie ins 40.000 Zuschauer fassende Stadion einreiten wird. Eine derartige Kulisse hat man als Dressurreiterin nicht alle Tage, das Pferd, mit dem Max-Theurer antritt, hatte überhaupt noch nie eine annähernd ähnliche. Denn in Hinblick auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro ging Max-Theurer in der jüngeren Vergangenheit eine neue Partnerschaft ein, versucht sich nun erstmals bei einem großen Championat auf der 13-jährigen Hannoveraner Fuchsstute Blind Date, genannt Beate. Mit ihr will sie sich binnen des kommenden Dreivierteljahres für ihre insgesamt vierten Olympischen Spiele qualifizieren; die besten vier Ergebnisse eines Jahres bis zum Stichtag am 6. März 2016 kommen in die Wertung.

Dass die Oberösterreicherin dabei nicht auf ihren angestammten tierischen Partner Augustin setzt, hat "verschiedene Gründe", sagte sie kurz vor der Abreise nach Aachen zur Austria Presse Agentur. "Ich kann sein Futter nicht (nach Brasilien, Anm.) einführen und werde ihm den Stress und den Flug nicht antun." Nach früheren Kolikoperationen ist der Wallach auf ein bestimmtes Futter angewiesen. Dass sich binnen des kommenden Jahres noch etwas an den Plänen ändert, könne man nicht ausschließen - "aber jetzt ist es die richtige Entscheidung". Und es ist, was die EM und Blind Date betrifft, in erster Linie ein Experiment. "Wir können locker reingehen, haben nichts zu verlieren und werden das Beste versuchen. Ich hatte heuer mit ihr schon schöne Erfolge, sie hat sehr viel Qualität, sehr viel Potenzial. Sie ist ein sehr vertrauensvolles Pferd und nicht besonders ängstlich, aber wie es im Stadion wird, werden wir sehen. Wenn es voll wird und viele Kameras an sind, ist es schon noch einmal eine andere Atmosphäre und Geräuschkulisse", erklärte Max-Theurer. Und es werden viele Augen sein, die auf die Reiter und Pferde gerichtet sein werden. Aachen gilt nicht erst seit der Austragung der Weltreiterspiele im Jahr 2006 als Pferdesport-Dorado, sondern kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Schon 1924 fand hier der erste CHIO (Concours Hippique International Officiel) statt; die WM 1955, als der Lokalmatador Hans Günter Winkler das Springen gewann, war ein weiterer Höhepunkt in der Geschichte. Noch heute ist für Winkler, mittlerweile 89 Jahre alt und eine Ikone des deutschen Sports, in Aachen stets Gänsehautstimmung angesagt: "Die Größe der Arena und die außerordentliche Atmosphäre durch das fantastische Publikum machen Aachen alljährlich zu einem einmaligen Ereignis. Für mich ebenso wie für alle Reiter aller Nationen war und ist das Einreiten in dieses Stadion daher stets ebenso beeindruckend wie herausfordernd", sagte er kürzlich dem WDR.

Und weil der Aachener Sportpark Soers für Pferd, Reiter und Fan eben so besonders viel zu bieten hat, wartet man diesmal auch bei der EM mit einer Besonderheit auf: Es sind die ersten kontinentalen Titelkämpfe, in denen die Medaillen in den fünf Disziplinen Dressur, Reining, Springen, Voltigieren und Fahren vergeben werden, dazu kommt noch der Vielseitigkeitsbewerb, der außer (EM-)Konkurrenz läuft. 409 Teilnehmer mit 668 Pferden haben für die EM-Bewerbe genannt, mit Rahmen- und Showprogramm kommt man auf mehr als 1650 Pferde. Allerdings wird dieses Format wegen der logistischen Herausforderungen eher die Ausnahme bleiben, in Göteborg in zwei Jahren finden nur die EM-Bewerbe im Springen, Fahren und in der Dressur an einem Platz statt. Das Aachener Gelände, dessen Infrastruktur für die Weltreiterspiele 2006 erneuert worden und diesmal noch einmal um acht Millionen Euro aufgepeppt wurde, ist indessen für den Ansturm gerüstet. Ob es auch Blind Date ist, wird sich weisen.