Wien. Faiz Bedzeti sitzt in der Umkleidekabine, starrt auf den Boden. Um ihn herum herrscht Hektik. Die Kämpfer gehen noch einmal die bevorstehenden Kämpfe durch, planen den Ablauf. Bedzeti hat das schon erledigt - er ist im Eröffnungskampf dran, hat nur noch wenige Minuten Zeit. Noch ist er Faiz Bedzeti, 26 Jahre alt. Noch. In ein paar Augenblicken wird der Ringsprecher anfangen, wird seinen Gegner aufrufen: Der Bösewicht betritt stets als Erster den Ring. Und dann kommt Faiz. Besser gesagt, sein Charakter.

Bedzeti ist Wrestler. Seit mittlerweile zwei Jahren betreibt der gebürtige Mazedonier den Kampfsport, trainiert die Bewegungen, baut seinen Körper auf. Sein Körper ist sein Kapital, und selbst bei kleinen Shows, wie hier bei der Nachwuchs-Veranstaltung im Wrestling-Trainingscenter in St. Valentin, ist voller Einsatz - und damit volles Risiko - gefragt.

"Vor dem Match geht mir viel durch den Kopf", erklärt er. "Keine Aktionen verhauen, alles perfekt hinbekommen." Für ein gelungenes Match braucht es neben viel Training vor allem eines: Erfahrung. "Wenn du viel Erfahrung hast, dann musst du nicht so viel durchbesprechen, sondern kannst einfach frei arbeiten."

Alles für die Show


Wenn dann während der Kämpfe Körper mit annähernd einhundert Kilogramm durch die Luft fliegen und mit einem ohrenbetäubenden Knall auf die Matten fallen, dann ist aus dem Publikum ein lautes, bewunderndes Stöhnen zu vernehmen. Die Leute auf der kleinen Tribüne, die sich nur an einer Seite des Rings erhebt und etwa Platz für fünfzig Leute bietet, bewundern die Catcher.

Bedzetis Gegner wird angekündigt. Frogman ist sein Ringname, er kommt aus dem Amazonas. Natürlich entspricht das nicht ganz der Wahrheit - Frogman heißt Mario und ist Österreicher. Aber ein Wrestler tritt nur selten unter seinem echten Namen auf.

Nachdem Frogman in den Ring geklettert ist, ist der Moment für Bedzeti gekommen. Der Ringsprecher kündigt ihn an als "den Liebling der Wiener High Society, den Herzensbrecher und Casanova - Richie Amadeus!" Aus den Lautsprechern ertönt "Rock Me Amadeus" von Falco, als Richie Amadeus aus der Kabine stürmt, am Publikum vorbeiläuft und den Applaus genießt. Er läuft hoch in den Ring, klettert in der Ecke auf die Seile und verneigt sich höflich - das ist Teil seines Gimmicks, das ist eben seine Figur im Ring. Der Applaus gehört für seine Figur dazu - Richie Amadeus ist ein Face, ein Publikumsliebling.

"Jetzt zeig’ ich die böse Seite"


Das wohl beste Beispiel für ein über Jahrzehnte intensiv gepflegtes Gimmick ist der legendäre amerikanische Wrestler "The Undertaker". Seit Beginn der 1990er Jahre tritt der als Mark Calaway geborene Undertaker für die weltweit größte Wrestling-Promotion, die WWE, als dämonischer Charakter in den Ring. Als Untoter, Bruder eines Höllendämons und schier unbesiegbarer Gegner lehrt der Undertaker seit 25 Jahren seine Gegner das Fürchten.

Der Regelfall beim Matchmaking, also dem Festlegen der Kampfpaarungen, ist das klassische Duell Gut gegen Böse, im Fachjargon des Wrestlings bezeichnet als Face gegen Heel. Während es die Mission des Heels ist, sich möglichst unbeliebt beim Publikum zu machen, hat der Face die Aufgabe, das Publikum auf seine Seite zu ziehen. Beide Versionen haben dabei in der Regel eigene Kniffe; während der Heel das Publikum beschimpft, unfair kämpft oder - banalerweise - einfach als Ausländer mit überzogenem Patriotismus auftritt, legt der Face besonderen Wert auf faire Kampfweise, sympathische Gesten und eine gehörige Prise Humor.

Bedzeti will nicht ausschließen, dass er einmal den "Turn", den Wechsel vom Face zum Heel macht. "Zum Wrestling gehören beide Seiten, die gute und die böse. Und irgendwann kommt dann vielleicht der Punkt, an dem man sagt: ‚Jetzt zeig ich meine böse Seite‘."

Richie wird mit Applaus begrüßt. Der Ringrichter gibt den Kampf frei, in dem zunächst Frogman die Oberhand behält und Richie schwer zusetzt. Er liegt bereits schwer angeschlagen auf dem Boden, als sein Gegner aus dem Ring aufs oberste Seil klettert. Frogman springt zur Ringmitte - und Richie rollt sich im letzten Moment aus dem Weg, lässt seinen Gegner hart auf die Matte knallen. Es folgt ein Comeback wie aus dem Wrestling-Lehrbuch. Richie ist blitzartig genesen, schleudert seinen Kontrahenten quer durch den Ring und beendet den Kampf mit einer spektakulären Aktion - dem RKO, den er sich von einem seiner Idole, dem WWE-Profi Randy Orton, abgeschaut hat. Aber je spektakulärer die Aktion, desto größer ist das Risiko. Körperliche Fitness ist lebenswichtig - und selbst Erfahrung garantiert keine Sicherheit.

Ein Beispiel musste die Wrestling-Community in Österreich dieses Jahr selbst erleben. Bei der Catch-WM in Kindberg lässt ein Ringer seinen Gegner, das bosnische Talent Dragan Okic, unabsichtlich fallen. Okic wird schwer verletzt. "Natürlich trifft einen das", meint Bedzeti nachdenklich. "Man kennt die Leute ja, wir sind wie eine Familie."