Zürich. (art) Nun hat der Bannstrahl auch die Mächtigsten getroffen: Die rechtssprechende Kammer der Fifa-Ethikkommission folgte der am Vorabend durchgesickerten Empfehlung der ermittelnden Kammer und sperrte Fifa-Präsident Joseph Blatter, den (ohnehin schon von der Fifa freigestellten) Generalsekretär Jérôme Valcke sowie Uefa-Chef Michel Platini für vorerst 90 Tage für jegliche Aktivitäten aus dem nationalen wie internationalen Fußball aus; Chung Mong-joon wurde sogar für sechs Jahre verbannt. Der Südkoreaner und Platini hatten davor schon ihre Bewerbung um die Nachfolge Blatters bei der Wahl am 26. Februar 2016 angekündigt.

Damit entsteht im Weltfußball nun ein Machtvakuum, das interimistisch der bisherige Fifa-Vizepräsident Issa Hayatou ausfüllen soll. Der Kameruner soll einst in den Schmiergeldskandal rund um die 2001 Pleite gegangene Sportvermarktungsagentur ISL verstrickt gewesen sein, kam damals allerdings mit einer Verwarnung durch das Internationale Olympische Komitee davon. Mit 69 Jahren ist der Chef der afrikanischen Föderation nun vorerst am Gipfel der Macht angekommen - ob er das Amt aber ordnungsgemäß ausführen kann, wird schon alleine wegen seiner schlechten gesundheitlichen Verfassung bezweifelt. Doch viele Alternativen gibt es derzeit nicht, ist es doch in Zeiten wie diesen schwierig, Führungspersönlichkeiten zu finden, die nicht in der einen oder anderen Form im Korruptionssumpf stecken.

Auch Blatter wurde nicht erst jetzt verdächtigt; seit er 1998 vom Generalsekretär - damals unter dem ebenfalls schwer belasteten - Brasilianer João Havelange zum Präsidenten aufstieg, haben vielmehr diverse Skandale seinen Weg gepflastert. Doch erst die Ermittlungen der Behörden, die ihm (zumindest) untreue Geschäftsgebarung vorwerfen, haben auch seinen Thron ins Wanken und nunmehr vorerst zum Einstürzen gebracht. Vorerst gab er sich über seine Berater enttäuscht, nicht angehört worden zu sein, aber gelassen wie eh und je.

Millionenzahlung an Platini

Denn während die vorläufige Sperre, die sich wie auch bei Platini um 45 weitere Tage verlängern kann, für seine weitere Laufbahn anders als die behördlichen Ermittlungen keine Auswirkungen hat - unter dem Druck der Enthüllungen seit dem Fifa-Kongress Ende Mai hat er ohnehin schon seinen Rücktritt angekündigt -, ist die weitere Zukunft Platinis in Schwebe. Er sei unschuldig und wolle weiter um seine Wahl kämpfen, ließ er verlauten, unmittelbar vor dem Urteil der Kommission reichte er die dafür nötigen Unterstützungserklärungen ein.

Allerdings führen ihn die Schweizer Behörden "zwischen Auskunftsperson und angeklagter Person", weil er im Jahr 2011 eine umstrittene Millionenzahlung von Blatter erhalten hat - ausgerechnet in jenem Jahr, in dem dieser bei seiner Wiederwahl maßgeblich von den Uefa-Mitgliedern unterstützt wurde. Diese Zahlung brachte nun auch Blatter in die Bredouille, zudem wird er wegen Marketingrechten verdächtigt, die er Jack Warner, dem in den USA angeklagten Ex-Chef des karibischen Verbandes, zum Spottpreis verscherbelt haben soll. Die genauen Gründe für die Sperre nannte die Ethikkammer mit Verweis auf die Verschwiegenheitspflicht allerdings nicht.

Unklar ist indessen auch, wie es mit der Uefa weitergeht, die Platini nun vorerst ebenfalls nicht präsidieren darf. Seine Agenden im Europaverband übernimmt nun satzungsgemäß der Spanier Ángel María Villar.

Windtner: "Neue Situation"

Auf Europas Verbände, die sich davor auf Platini als ihren Fifa-Präsidentschaftskandidaten verständigt haben, kommen nun intensive Diskussionen zu. ÖFB-Präsident Leo Windtner gab sich zunächst überrascht: "Dadurch ist eine völlig neue Situation entstanden, auch für die Uefa", erklärte er. Sein deutscher Amtskollege Wolfgang Niersbach sprach sich für eine Neubewertung der Situation aus. "Vor allem aber muss er (Platini, Anm.) selbst entscheiden, ob er mit der Belastung die Kandidatur aufrecht erhalten kann." Zur Situation in der Fifa meinte er: "Das ist der absolute Super-GAU."