Hamburg/Frankfurt. Es ist ein Vorstoß wie eine Provokation, "ein typischer Rettig" halt, wie Rudi Völler sagt. "Er macht ein bisschen auf Schweinchen schlau", meint der Sportchef von Bayer Leverkusen zum Vorschlag des St.-Pauli-Geschäftsführers Andreas Rettig, der dieser Tage den deutschen Fußball jenseits von Champions League, Terrorangst und WM-2006-Affäre beschäftigt. Denn Rettig hat bei der deutschen Bundesliga (DFL) einen Antrag eingebracht, jene Klubs von der TV-Vermarktung auszuschließen, die von Ausnahmen der 50+1-Regel profitieren.

Diese besagt, dass es Kapitalanlegern nicht möglich ist, über die Stimmenmehrheit bei Kapitalgesellschaften zu verfügen, in die Fußball-Vereine ihre Profimannschaften ausgegliedert haben. Aufgrund des langjährigen Engagement gilt diese Regel aber nicht für die Werksklubs Leverkusen und VfL Wolfsburg, die hundertprozentige Töchter von Bayer beziehungsweise VW sind, sowie für die TSG 1899 Hoffenheim und deren Mäzen Dietmar Hopp und ab 2017 auch nicht mehr für Hannover 96 unter Martin Kind. Da diese Vereine daher aufgrund ihrer strukturellen Besonderheiten mehr Geld lukrieren können, sollen sie nicht auch noch an den TV-Einnahmen partizipieren können, so das Argument Rettigs, der früher auch DFL-Geschäftsführer war.

Was einigermaßen schlüssig klingt, ist allerdings nur auf den ersten Blick erfolgsversprechend. Zum einen laufen freilich die vier betroffenen Vereine Sturm gegen den Vorstoß, der am 2. Dezember bei der DFL-Mitgliederversammlung diskutiert werden soll. Man sei enttäuscht und bedauere diesen, erklärte Hoffenheim stellvertretend für das Quartett in einer Stellungnahme. Es könne schließlich nicht im Sinne der Mehrzahl der deutschen Profiklubs sein, "dass die Solidargemeinschaft und die Zentralvermarktung aufgegeben werden", heißt es.

Und das ist es auch, das ein Ja zu dem Vorschlag unwahrscheinlich macht. Denn St. Pauli hat nicht nur die Werksklubs gegen sich, sondern - bei aller Antipathie der Traditionalisten gegen Unternehmen, die Fußball als kommerzielles Vehikel betrachten - wohl auch die Mehrheit der Kleinen, die wohl den Teufel tun werden, an der Solidargemeinschaft zu rütteln.

Aktuell vermarktet die DFL die TV-Rechte zentral, im Zuge des noch bis 2017 laufenden TV-Vertrags schüttet sie jährlich rund 850 Millionen Euro an die Profiklubs der ersten und zweiten Liga aus, wobei 20 Prozent auf die Zweitligisten verteilt werden. Käme es tatsächlich letztlich zu einer Einzelvermarktung - und eine Streichung von vier Vereinen wird weithin als erster Schritt dazu gesehen - wären die Profiteure die großen Klubs. Vor allem der FC Bayern würde seine Rechte lieber gestern als heute individuell ausschreiben; erst im Sommer unternahm der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge einen weiteren Vorstoß in diese Richtung: "Würden wir unsere TV-Rechte selbst vermarkten, könnten wir mit 200 Millionen Euro glatt das Vierfache unserer heutigen Erlöse erzielen", sagte Rummenigge, der als Alternativmodell zusätzlich zur Einzelvermarktung einen Solidarfonds vorschlug, in den die größeren Vereine zugunsten der kleineren einzahlen sollen. Bisher wurden alternative Ideen zur Zentralvermarktung - die etwa auch in Österreich immer wieder auftauchen - stets abgewiesen. Mit dem Pokern um einen neuen Vertrag und dem Vorstoß des FC St. Pauli, der angeblich bei Abweisung des Antrags eine aufgeweichte Version in der Hinterhand hat, kommt nun aber Bewegung in die Debatte.