Melbourne. (art) Es gebe diesen Moment, sagte Novak Đoković, da müsste die Überzeugung größer werden als die Zweifel. Denn auch solche hatte er gehabt im Laufe dieser Australian Open, das Fünfsatz-Match gegen Gilles Simon im Achtelfinale hatte Anlass genug geliefert. 100 unerzwungene Fehler waren dem Serben in jenem Spiel unterlaufen, viel zu viele für einen Sportler seines Kalibers, er hatte mit sich selbst und der Bespannung seiner Schläger gehadert. Doch Đoković wäre nicht Đoković, wäre nicht Nummer eins der Welt und nicht zehnfacher Grand-Slam-Sieger, würde er aus solchen Partien nicht lernen, die genannte Überzeugung wiederfinden und stärker zurückschlagen. Jüngstes Opfer seines Perfektionismus’: Roger Federer.

Dabei geriet das Halbfinale gegen den Schweizer, mit 17 Grand-Slam-Siegen und Finalteilnahmen an den jüngsten beiden Majors auch beileibe kein Schlechter, phasenweise zu einer Machtdemonstration ungeahnten Ausmaßes. In den ersten beiden Sätzen war Federer bei 1:6, 2:6 in nur 54 Minuten absolut auf verlorenem Posten. Im dritten bäumte er sich zwar noch einmal auf, gewann ihn nach Break zum 4:2 mit 6:3, doch Đoković behielt den Fokus und sicherte sich in 40 Minuten den Gewinn des vierten Satzes mit 6:3. Federer spielte auch in diesem nicht schlecht, rannte wie manch um zehn Jahre Jüngerer nicht, die beiden lieferten einander Ballwechsel aus dem Bilderbuch, mit Winkelbällen, Netzangriffen, harten Grundlinienschlägen und gefühlvollen Tempowechseln. Doch was der Schweizer auch ausprobierte, Đoković hatte die bessere Antwort. Am Ende lag er in allen wesentlichen Statistiken - Aufschlag, Winner, weniger unerzwungene Fehler - voran und hatte sich damit seinen sechsten Finaleinzug in Melbourne redlich verdient.

"In den ersten beiden Sätzen habe ich einfach unfassbar gespielt. Das waren, glaube ich, die besten Sätze, die ich je gegen ihn gespielt habe. Aber es war klar, dass ein Spieler seines Kalibers sich steigern kann, Kleinigkeiten ändert und dann besser spielt. Aber ich habe die Intensität hoch halten können und bin geduldig geblieben. Ich habe gewusst, ich würde wieder meine Möglichkeit bekommen, und die habe ich genützt", analysierte der Sieger danach.

Schöne Erinnerungen

Nun stehen die beiden Favoriten und Titelverteidiger abermals im Endspiel, Serena Williams bei den Damen, Đoković bei den Herren. Williams ließ Masters-Siegerin Agnieszka Radwaska mit 6:0, 6:4 keine Chance und spielt nun gegen die Deutsche Angelique Kerber (7:5, 6:2 über Johanna Konta) um ihren 22. Grand-Slam-Sieg und damit die Einstellung von Steffi Grafs Rekord. Die Australian Open hat die US-Amerikanerin bereits sechs Mal gewonnen.

Đoković, der es nun mit dem Sieger der Partie Andy Murray gegen Milos Raonic zu tun bekommt, muss das halbe Dutzend in Melbourne erst voll machen, damit würde er mit der australischen Tennis-Legende Roy Emerson gleichziehen. Als er sich 2008 zum ersten Mal den Titel sicherte, war er mit 21 Jahren gerade erst in der absoluten Weltklasse angekommen, auf dem Weg zum Sieg hatte er ebenfalls im Halbfinale ebenfalls Federer eliminiert. "Die Duelle mit ihm und Rafael Nadal haben mich geprägt, sie haben dazu geführt, dass ich immer besser geworden bin. Ich habe hart gearbeitet, um dorthin zu kommen, jetzt fühle ich mich am Höhepunkt", meinte Đoković. Auch die Spiele in Melbourne seien für ihn stets ein Höhepunkt: "Hier habe ich meinen ersten Grand-Slam-Titel geholt. Jedes Mal, wenn ich in die Rod-Laver-Arena gehe, habe ich diese schönen Erinnerungen und kann mein bestes Tennis zeigen." Die Überzeugung ist jedenfalls auch vor dem Finale am Sonntag da.