Wien. (art) Kurz vor dem Tag der großen Entscheidung haben sich die beiden Lager noch einmal in Stellung gebracht: Russland appellierte in einem offenen Brief an die Granden des internationalen Sports, saubere Athleten zu schützen und daher von Kollektivstrafen abzusehen, in der Welt-Anti-Doping-Agentur wiederum spricht man von "unzureichenden Fortschritten" in der Anti-Doping-Bekämpfung Moskaus. Am Freitag blicken beide gespannt nach Wien, wo Sebastian Coe, der Präsident des Welt-Leichtathletikverbandes IAAF, um 17 Uhr im Ballraum des Grand Hotels bekanntgeben wird, ob der seit November suspendierte russische Verband weiter gesperrt bleibt. Dies wäre gleichbedeutend mit einem Ausschluss von den am 5. August beginnenden Olympischen Spielen in Rio de Janeiro.

Die ARD hatte Ende 2014 erstmals ausführlich über ein ausgeklügeltes, staatlich organisiertes Doping- und Vertuschungssystem in Russland berichtet, eine Wada-Untersuchung war im Vorjahr in etwa zu demselben Ergebnis gekommen. Seither steht der russische Sport unter Generalverdacht, den Berichte über positive Nachtests von den Olympischen Spielen 2008 und 2012 sowie Vorwürfe des mittlerweile in die USA emigrierten ehemaligen Chefs des Moskauer Kontrolllabors Gregori Rodschenko erhärteten. Russland dagegen ortet einen politisch motivierten Komplott.

Die Entscheidung, die die 25 Mitglieder des IAAF-Councils am Freitag in Wien zu treffen haben, ist daher vor allem sportpolitisch höchst brisant, zumal es auch andere Länder wie etwa Kenia mit dem Anti-Doping-Kampf nicht ganz so genau nehmen. Ein Olympia-Ausschluss ist bei ihnen aber kein Thema. In Österreich, das keinen Entscheidungsträger in dem Gremium hat, äußert man sich daher zurückhaltend. Das ÖOC kämpfe mit allen nationalen Komitees, den Sportfachverbänden und dem IOC für einen sauberen Sport, sagte ÖOC-Präsident Karl Stoss etwa zur Austria Presse Agentur. Man halte grundsätzlich wenig von einem Boykott oder Sperren. "Aber ob Athleten einzelner Sportarten suspendiert bleiben, liegt in der Verantwortung der internationalen Sportfachverbände", sagte er.

Schadenersatzklagen drohen

Und Michael Cepic, der Geschäftsführer der heimischen Anti-Doping-Agentur, meinte, man habe ein "Problem mit Kollektivstrafen". Sollte sich tatsächlich beweisen lassen, dass offizielle Stellen verwickelt seien, müssten "drastrische Maßnahmen" ergriffen werden - "aber immer mit der Möglichkeit, dass man saubere Athleten schützt. Wir heben ja immer den Schutz sauberer Sportler hervor. Dann können wir nicht alle in einen Topf werfen und sperren", betonte er.

Möglich sei seiner Meinung etwa bei denjenigen, die viele negative Testergebnisse von unabhängigen Kontrolllaboren - jenem in Moskau war im Zuge der Affäre die Akkreditierung entzogen worden - vorweisen können, ein Antreten unter olympischer Flagge.

Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass der Weltverband den Ball an das IOC weitergibt oder einen Kompromiss findet. Denn einerseits muss die IAAF, deren Ex-Chef Lamine Diack in Frankreich wegen des Verdachts auf Annahme von Bestechungsgeld aus Russland zur Vertuschung positiver Proben angeklagt ist, selbst um seine Glaubwürdigkeit kämpfen, andererseits müsste der Verband sich bei einem Ausschluss aller russischen Sportler ohne Doping-Beweis wohl auf Schadenersatzklagen in Millionenhöhe einstellen.