Rio de Janeiro. (art/apa) Manchmal muss man historische Vergleiche bemühen, um das Ausmaß einer Zeitspanne zu begreifen. Als Österreich zum bisher letzten Mal im Bogenschießen, einer der ältesten noch beziehungsweise wieder ausgetragenen olympischen Disziplinen, vertreten war, war Fred Sinowatz noch Bundeskanzler. Laurence Baldauff wiederum war noch Luxemburgerin, ihr Sohn, mittlerweile auch schon 20 Jahre alt, noch nicht geboren. Es war 1984, Ursula Valenta belegte damals Platz 32.

Am Freitag, 18 Uhr MESZ, wenige Stunden vor der zeremoniellen Eröffnung der Spiele also, beginnen diese für Baldauff und damit für Österreichs insgesamt 71-köpfiges Team auch sportlich. In der Qualifikation der Bogenschützen wird die Setzliste für die K.o.-Phase eruriert, in der es am Montag ernst wird. In der Qualifikation werden vorerst je 72 Pfeile geschossen, in knapp drei Stunden ist die Prozedur vorbei. Damit schafft es Baldauff rechtzeitig zur Eröffnung ins Maracanã-Stadion, was ihr ein besonderes Anliegen ist.

Schließlich gilt für sie vorerst tatsächlich das Motto, wonach Dabeisein vielleicht nicht alles, aber doch schon sehr viel ist. Die Qualifikation kam etwas überraschend, zu den Favoritinnen gehört die 41-Jährige also nicht. Diese Rolle ist an die traditionell starken Südkoreanerinnen vergeben. Zudem schießt Baldauff erst seit Juni mit einem für sie neuen Bogenmodell, musste sich erst auf die neue Zugkraft einstellen.

Chancenlos sieht sie sich dennoch nicht. "Ich werde versuchen, sie (die Südkoreanerinnen, Anm.) ein bisschen zu stören in ihren Zielen. Ich werde mein Bestes geben. Wenn ich einen guten Tag habe und die anderen einen vielleicht nicht ganz so guten - es ist echt alles möglich", sagt Baldauff, die nicht nur die Seniorin im heimischen Team ist, sondern auch eine von 15 rot-weiß-roten Sportlerinnen und Sportlern, die nicht in Österreich geboren wurden. Der Liebe wegen verschlug es Baldauff nach Wien, wo sie nun mit ihrem Mann lebt und nach einer längeren Auszeit wieder mit dem Bogenschießen angefangen hat. Erst im Dezember erhielt
sie die österreichische
Staatsbürgerschaft.

Neben der gebürtigen Luxemburgerin treten in Rio in den unterschiedlichsten Sportarten vier Athleten an, die ursprünglich aus Deutschland kommen, je zwei aus China und Griechenland, sowie je einer oder eine aus Armenien, Bosnien, Polen, Ungarn, Moldawien und Rumänien. Die unterschiedlichsten Gründe haben sie ihren Lebensmittelpunkt nach Österreich verlegen lassen.

Nicht alle bekommen aus ihrer früheren Heimat einen derartigen Zuspruch wie Baldauff. Den Nationenwechsel nahm man ihr offenbar nicht übel, obwohl Luxemburg dadurch nicht im Bogenschießen vertreten ist. "Das hätte ich so nicht erwartet. Ich habe gedacht, dass sie vielleicht ein bisschen böse sind", sagt Baldauff. Immerhin kann sie nun für Österreich Geschichte schreiben.

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