Rio de Janeiro. Das Olympiastadion in Rio trägt seinen Namen, doch er selbst erlebt die letzten Tage der Spiele in seiner brasilianischen Heimat nicht mehr: João Havelange, zwischen 1974 und 1998 Präsident des Weltfußballverbandes Fifa und langjähriges Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, ist laut übereinstimmenden Medienberichten am Dienstag in einem Krankenhaus im Stadtteil Botafogo in Rio gestorben. João Havelange hatte im Mai seinen 100. Geburtstag begangen, sich zuletzt aber wegen einer Lungenentzündung im Spital befunden. Er galt als einer der einflussreichsten Sportpolitiker des 20. Jahrhunderts und hinterließ einerseits eine Fifa, in der kein Stein auf dem anderen geblieben war, andererseits aber einen Verband, der noch immer an diesem Erbe zu knabbern hat. Denn wenn schon sein Nachfolger und ideologischer Ziehsohn Joseph Blatter das System des Gebens- und Viel-Mehr-Nehmens ausgebaut hat, der Architekt war Havelange.

Dabei hatte der Sohn eines nach Brasilien emigrierten Waffenhändlers seine Anfänge gar nicht im Fußball, er war 1936 im Schwimm- und 1952 im Wasserball-Team Brasiliens bei Olympischen Spielen. Danach verlegte er sich aber auf seine Funktionärslaufbahn, schmiedete als Präsident des brasilianischen Sportbundes wichtige Kontakte, die ihn später in das oberste Amt des Weltfußballs hievten. Und Havelange verstand es bestens, sich einerseits durch Entwicklungsprogramme und die Aufstockung der Weltmeisterschaften die Gunst kleinerer Verbände zu sichern - eine Tradition, die Blatter fortsetzen sollte -, andererseits, sich mit den Reichen und Mächtigen zu arrangieren. Einer von Havelanges engsten Vertrauten war etwa der windige Geschäftsmann Horst Dassler, Sohn des Adidas-Gründers und später Chef des Unternehmens, der das Sportsponsoring zu jener Zeit perfektionierte. Ein weiterer langjähriger Weggefährte war Blatter, den er zunächst zum Generalsekretär beförderte. Der Männerbund funktionierte, die Geschäfte mit Vermarktungsrechten begannen zu laufen, und das nicht immer mit legalen Mitteln.

Skandale pflastern seinen Rückzugsweg

Als die ursprünglich von Dassler gegründete Sportrechteagentur ISL pleiteging und die Causa juristisch aufgearbeitet wurde, wurde ruchbar, dass Funktionäre der Fifa und anderer Sportorganisationen von ihr Schmiergelder im dreistelligen Millionenbetrag erhalten haben; Havelange soll einer der Empfänger gewesen sein, sein früherer Schwiegersohn Ricardo Teixeira, der ehemalige brasilianische Verbandschef, ein anderer. Lange konnte Havelange, damals nicht mehr im Amt, Schaden von sich fernhalten, aufgrund seiner Verdienste um die Fifa, die er zu einem florierenden globalen Unternehmen gemacht hatte, schien er für viele unantastbar. "Als ich im Fifa-Hauptquartier in Zürich ankam, da fand ich ein altes Haus und ein bisschen Geld in der Schublade. Als ich meinen Posten räumte, besaß die Fifa Besitztümer im Wert von vier Milliarden US-Dollar", pflegte er seinen Kritikern schließlich stets zu sagen, die sich über seinen despotischen Stil und seine in dunklen Kämmerchen ausgehandelten Geschäfte beschwerten.

Doch als die Fifa und das IOC neue Ermittlungen aufnahmen, musste er seine Ämter als Ehrenpräsident beziehungsweise IOC-Mitglied abgeben. Letzteres tat er im April 2013 - und führte als Argument "gesundheitliche Gründe" an. Doch für einen Rückzug in Würde war es zu spät, Havelange kam lediglich einem Rauswurf mit Schimpf und Schande zuvor.

Sein Wirken hallt jedenfalls noch nach, in positiver wie in negativer Hinsicht. Denn während die Fifa finanziell seit seiner Zeit auf einem soliden Fundament steht - auch wenn im jüngsten Geschäftsbericht aufgrund der Skandale des vergangenen Jahres erstmals seit vielen Jahren wieder Verluste ausgewiesen wurden -, werden sich Gerichte wohl noch lange mit den Vorgängen der Amtszeiten von Havelange und Blatter befassen müssen. Und in den kommenden Tagen werden die Olympia-Athleten weiter im Estadio João Havelange laufen und springen.