Wien. Wäre Rauchen olympisch, hätte Österreich vermutlich Gold aus Rio mitgebracht. In keinem Land der Welt rauchen Jugendliche so häufig wie in Österreich, nämlich rund ein Drittel aller 15-Jährigen. Und auch bei Erwachsenen hält sich Österreich seit Jahren in den Medaillenrängen. Im Turnen und Schwimmen, im Laufen und Springen: eher nicht so.

Die medaillenlosen Spiele in London vor vier Jahren haben die Reformbedürftigkeit des Sports und seiner gesellschaftlichen Stellung in die politische Debatte geholt - zugegeben: nicht allzu lange - und einige, wenn auch oberflächliche Maßnahmen zur Folge gehabt. Die Förderstruktur wurde etwas modifiziert und Peter Schröcksnadel zum Chefkoordinator der Olympia-Projekte bestellt.

Es gab aber auch andere Veränderungen, bedeutsamere, wenngleich diese für Rio gar keine Relevanz gehabt haben. Und bei ihnen geht es auch weniger um Medaillengewinne als um gesundheitspolitische Aspekte. Im Idealfall könnten sie aber dafür sorgen, dass künftig mehr Kinder und Jugendliche sportlich aktiv sind. Derzeit sind dies nur 28 Prozent. Die Breite, aus der wiederum die (olympische) Spitze hervorgeht, ist in Österreich recht klein.

Dass dringend Maßnahmen angezeigt sind, sagt auch weniger die Olympiabilanz aus, die quasi nur ein Symptom ist, als vielmehr Studien, wonach 30 bis 40 Prozent der Kinder übergewichtig sind. Und noch mehr Kinder haben motorische Defizite, wie Otmar Weiß, der stellvertretende Leiter des Zentrums für Sportwissenschaft in Wien, berichtet. Bei Tests unter Schulanfängern konnten erschreckende 70 Prozent der Kinder beim ersten Versuch keinen Purzelbaum.

Um dem entgegenzuwirken, hat der Nationalrat im Vorjahr die tägliche Turnstunde beschlossen - eine Uraltforderung aus den Reihen des Sports. Die Politik hat die Verpflichtung zwar durch einige Abers ergänzt, so gilt diese nur für Ganztagsschulen und in der Umsetzung haben die Schulen Gestaltungsmöglichkeiten, doch ist es zu einem politischen Ziel geworden, die Bewegung der Kinder zu fördern. Das drückt sich auch darin aus, dass gleichzeitig mit der täglichen Turnstunde Sport und Bewegung erstmals als Bildungsziel ins Schulorganisationsgesetz geschrieben wurde. Doch ist das wohl nur ein Anfang.

"Im Bildungssystem ist der Sport nicht integriert, er kommt überhaupt nicht vor", sagt Peter Kleinmann, Mitglied des Österreichischen Olympischen Comités und Präsident des Volleyballverbandes. "Wir haben das Dogma: Lernen oder Sport. Die Lehrer sagen: ,Willst du was werden im Leben oder Sport machen?‘ Das ist das größte Hindernis. In anderen Ländern sind Schulen und Unis stolz, wenn aus ihren Reihen Sportler hervorgehen. Bei uns interessiert das niemanden."