Argentinien spielt heuer im Finale gegen Kroatien. Wo, ist aber noch offen. - © Reuters/A.Boyers
Argentinien spielt heuer im Finale gegen Kroatien. Wo, ist aber noch offen. - © Reuters/A.Boyers

London. (art) Was lange währt, wird endlich - kaputt. So oder so ähnlich könnte man die aktuelle Situation im Tennis-Daviscup beschreiben. Sicher, das mag ein radikaler Befund sein, zumal der Daviscup jährlich 700.000 Zuschauer in die Arenen und 3,6 Milliarden Menschen vor die TV-Geräte lockt. Dennoch leidet der Mannschaftsbewerb vor allem unter dem mangelnden Interesse vieler Topspieler, die seit Jahren nach Reformen rufen.

116 Jahre lang gibt es den Bewerb nun schon, ersonnen wurde er von findigen Harvard-Studenten, die auch einmal die Möglichkeit haben wollten, mit den dominierenden Briten die Schläger zu kreuzen. Doch mittlerweile ist dies längst Usus, die besten Spieler treffen sich Woche für Woche bei den Turnieren, bei denen es um viel Preisgeld und Weltranglistenpunkte geht. Und im Daviscup? Dort gibt’s neben der angeblich hässlichsten Salatschüssel der Welt ein bisschen Taschengeld und seit diesem Jahr gar keine Punkte mehr zu holen.

Regelmäßig glänzen daher Topspieler mit Abwesenheit, er passe nicht in den Turnierplan, heißt es dann, oder die Strapazen seien einfach zu groß. Zudem droht nun Konkurrenz durch den von Roger Federers Agentur Team 8 ersonnenen und vom brasilianisch-schweizerischen Investor Jorge Lemann finanziell unterstützten Laver Cup, einem Teamkampf zwischen Europa und dem Rest der Welt, der im September 2017 in Prag seine Premiere feiern wird. All dies hat David Haggerty, den im Vorjahr gewählten Präsidenten des internationalen Tennisverbands ITF nun dazu bewogen, Reformen voranzutreiben. In erster Linie will er sich dafür stark machen, das Finale im Daviscup sowie im Fed Cup, dem Pendant bei den Damen, künftig zwei oder drei Jahre im Voraus an einen neutralen Ort zu vergeben. Die Vorteile liegen für Haggerty auf der Hand: Nach den Halbfinalspielen vom vergangenen Wochenende, aus denen Argentinien und Kroatien als Sieger hervorgegangen sind, kenne man zwar die Finalisten - "aber wir wissen noch immer nicht, in welcher Stadt das Finale sein wird", sagte er am Mittwoch zur Nachrichtenagentur Reuters. "Das macht es schwer zu planen und die Fans dafür zu begeistern. Wenn man einen im Vorhinein fixierten Schauplatz hat, können die Menschen planen und vorausschauen." Den Organisatoren fiele es leichter, Sponsoren und TV-Partner aufzustellen, mit denen man den Daviscup "zu einer viel größeren Show" machen könne als jetzt, wo man nicht mehr wisse, "als dass zwei Nationen gegeneinander antreten".

Länderspielatmosphäre adé?


Hintergrund ist vor allem die Hoffnung auf steigende Einnahmen, die die ITF gerechter auf alle Mitgliedsverbände aufteilen und in den Nachwuchssport investieren wolle, so Haggerty. "Es ist Teil unserer Mission, die Attraktivität des Tennis zu entwickeln", betonte der US-Amerikaner. Dass diese Reform negative Auswirkungen auf die Länderspielatmosphäre, die Essenz des Daviscups, hat, glaubt er nicht. Zum einen wären die Runden vor dem Finale oder zumindest dem bei den Damen angedachten Final Four nicht betroffen; zum anderen haben die Topstars, die es bis ins Finale geschafft haben werden, eine breitere Fanbasis, die sich nicht nur auf ihr Herkunftsland beschränkt. "Daviscup besteht aus 135 Nationen", sagte Haggerty.

Allerdings dürfte den Spielern diese Änderung nicht weit genug gehen, schließlich blieben die Strapazen dieselben. Erst unlängst hat der Weltranglistenerste und Spielerrat-Vorsitzende Novak Djoković die Straffung des Bewerbs auf eine zweiwöchige Veranstaltung angeregt, die den derzeitigen Modus mit vier Partien über die gesamte Saison verteilt ablösen solle. Das wiederum würde nicht nur den Charakter des Bewerbs radikal ändern, sondern auch auf Widerstand bei den Veranstaltern der Major-Turniere stoßen, die sich dann ihrer Einzigartigkeit beraubt sehen würden.

Kürzere Spiele angedacht


Den Spielern könnte man immerhin insofern entgegenkommen, als man die Matchdauer verkürzen und nur noch auf zwei Gewinnsätze spielen lassen könnte. Die jüngste Einführung des Tiebreaks im fünften Satz war bereits ein Schritt in diese Richtung, der allerdings das Ende epischer Schlachten wie 2015 bedeutete, als sich der Argentinier Leonardo Mayer nach 6:42 Stunden gegen den Brasilianer João Souza mit 15:13 im Entscheidungssatz durchsetzte. Auch solche Partien trugen historisch zum Reiz des Bewerbs bei. Doch Tradition und Geschichte sind im Sport längst keine Konstanten mehr.