Linz. Der Weg von der ostasiatischen Kampfkunst zu einer Sportart westlichen Zuschnitts ist lang. Er kann aber auch sehr kurz sein. "Wir sind ein Sport und keine Kampfkunst", sagt Davide Benetello, Vorsitzender der Athletenkommission des Karate-Weltverbandes WKF, wenn er von seinem Verband spricht. "Aber natürlich ist Karate eine Kampfkunst. In der Kampfkunst geht es um das spirituelle Wachsen, und wer im spirituellen Wachsen gut ist, ist auch ein guter Athlet", erklärt der Italiener. Jeder Karate-Sportler ist demzufolge also auch ein Kampfkünstler. Bei der Weltmeisterschaft, die noch bis Sonntag in Linz stattfindet, sind die Athleten gefragt, es geht um den Wettkampf.

Für die Sportart sind es besondere Titelkämpfe. Es ist die erste Karate-Großveranstaltung, seit das Internationale Olympische Komitee Karate als Sportart für die Sommerspiele 2020 in Tokio bestätigt hat. "Wenn wir eine gute WM organisieren, ist das eine gute Visitenkarte", sagt Benetello, der auch im Exekutivkomitee der WKF sitzt. Denn Tokio ist erst ein Zwischenschritt. Zwar gibt es bei Olympia keine Demonstrationssportarten mehr, Karate ist mit vier anderen Sportarten in Tokio aber nur eine zusätzliche Sportart. Ob Karate nach den Spielen in Japan eine olympische Zukunft hat, entscheidet sich beim IOC-Kongress im September 2017, wenn auch über den Austragungsort der Spiele 2024 entschieden wird. Die Vorfreude auf die Spiele 2020 ist bei den Karateka aber in jedem Fall groß. Drei Gewichtsklassen sowie ein Frauen- und Männer-Bewerb in der körperkontaktlosen Kata-Variante werden olympisch. Dass es ausgerechnet für 2020 in Tokio geklappt habe, sei "Schicksal", ist Benetello überzeugt. "50 Jahre nach der ersten WM 1970 kehren wir ins gleiche Land, in die gleiche Stadt zu Olympischen Spielen zurück", sagt der ehemalige Weltmeister. Noch dazu ist Japan quasi das Mutterland des Karate. Die Ursprünge der Kampfkunst reichen auf der japanischen Insel Okinawa bis ins 15. Jahrhundert zurück. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Karate als vollwertige Kampfkunst anerkannt, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Karate mit wachsender Popularität in den USA und Europa zu einer Sportart westlichen Zuschnitts. Die Entscheidung des IOC war auf diesem Weg so etwas wie ein Ritterschlag. So ist heute der Unterschied zu vergleichbaren, bereits olympischen Sportarten wie Judo und Taekwondo zwar auch für den Laien ersichtlich. Ähnlich wie bei Judo oder Taekwondo ist aber auch bei Karate nur für das geschulte Auge sichtbar, wer auf der Siegerstraße ist. Das markerschütternde Geschrei, das die Angriffe begleitet und dieser Tage auch durch die Linzer Tips-Arena tönt, ist dagegen typisch für Karate.

Integration selbstverständlich

Doch Karate hat auch andere Besonderheiten, die bei einem Blick auf das Programm der Linzer WM ins Auge stechen. So sind etwa die Behindertensportler voll in das Programm der WM integriert - eine Rarität unter den olympischen Sportarten. Auch sie kämpfen in Linz um Medaillen. Der Weltverband ist auch Mitglied im Internationalen Paralympischen Komitee (IPC), obwohl Karate bei den Paralympischen Spielen nicht im Programm ist. Man hofft damit zwar, im Rahmen der Agenda 2020 des IOC, die auch ethische Prinzipien in den Vordergrund kehren soll, punkten zu können und auch das IPC zu beeindrucken. Hintergrund hat die bei den vergangenen Titelkämpfen in Bremen 2014 eingeführte Maßnahme aber einen anderen. "Wir integrieren sie nicht dem IOC zuliebe, sondern weil wir glauben, dass es der richtige Weg ist", erklärt Benetello. Die Integration kommt auch bei den Para-Karatekas gut an. Waren 2014 noch 32 Teilnehmer aus 20 Nationen dabei, sind es diesmal 76 Starter aus 26 Nationen von allen fünf Kontinenten.

Auch in der allgemeinen Klasse ist Karate ein wachsender Sport. Die Teilnehmerzahl nahm gegenüber der vergangenen WM um 30 Prozent auf rund 1200 Sportler zu. Der Olympia-Status hat zuletzt noch zu einer Zunahme bei den Anmeldungen geführt. Dass es sich bei Karate um eine wachsende Sportart handelt, zeigt sich auch am Umfeld der WM in Linz. Erstmals gab es in Linz eine Eröffnungsfeier. Zudem gaben die Organisatoren den Titelkämpfen mit den fünf spirituellen Themen, von denen jeweils eines an den fünf Tagen ins Zentrum gerückt wird ("das Zentrum", "der Weg", "die Entscheidung", "die Bereitschaft", "der Gruß"), auch eine inhaltliche Klammer.

Die Integration der Behindertensportler und eines Teams von anerkannten Flüchtlingen, das unter der Flagge des Weltverbandes startet, geht auf die spirituellen Wurzeln der Sportart zurück. Der Deutsche Wolfgang Weigert, Beauftragter des Exekutivkomitees für die Beziehungen zum IOC und IPC, bezeichnet Karate gar als "soziale Gesundheitssportart Nummer eins".

Buchinger und Swoboda kämpfen um Gold

Weigert führt das neben dem integrativen Aspekt - "bei uns sind alle gleich" - noch auf weitere Gründe zurück. "Man kann es auf der ganzen Welt ohne viel Aufwand und mit jedem Alter erlernen. Der gegenseitige Respekt ist ganz wichtig. Wir verbeugen uns voreinander. Wenn sich ein Iraner bei uns vor einem Israeli nicht verbeugen würde, würde er hinausfliegen", erklärt Weigert.

Derartige Eklats waren bisher bei der WM in Oberösterreich freilich kein Thema. Aus sportlicher Sicht laufen die Titelkämpfe für Gastgeber Österreich sehr gut. Am Samstag kämpft Europameisterin Alisa Buchinger in der Klasse bis 68 Kilogramm um Gold, Österreichs zweite Europameisterin Bettina Plank kämpft in der Klasse bis 50 Kilogramm um Bronze. Kristin Wieninger hat im Kata-Bewerb die Chance auf Bronze. Und am Sonntag kann der beinamputierte Mendy Swoboda, der bei den Paralympics im Kanu Silber geholt hat, den Titel im Para-Kata-Bewerb gewinnen.