London. (art/apa) Manchmal irrt eben auch ein Novak Djoković. Man habe Dominic Thiem, seinem Auftaktgegner beim ATP-World-Tour-Finale in London, keinerlei Nervosität angemerkt, meinte der Serbe nach seinem 6:7, 6:0, 6:2-Erfolg über den Österreicher am Sonntag. "Es hat nicht so ausgesehen, als wäre er überwältigt von der Bühne oder des Ereignisses. Er ist einfach rausgekommen, hat drauflosgefeuert und wirklich großartiges Tennis gespielt", sagte Djoković. Mit seiner Leistung, vor allem im dramatischen ersten Satz, der in bisher vier Duellen mit Djoković der erste war, der an Thiem ging, war naturgemäß auch der Niederösterreicher zufrieden. Davon, dass er von der Kulisse vor 17.800 Zuschauern in der O2-Arena, vom glamourösen Drumherum samt gladiatorengleicher Einmarsch-Zeremonie, nicht beeindruckt gewesen wäre, könne aber keine Rede sein, gestand er nach seinem Debüt beim Saisonabschlussturnier der besten acht Tennisspieler des Jahres. "Wenn man da im Rauch reingeht, ist das ein unglaubliches Gefühl. Das ist mit Abstand die größte Kulisse, vor der ich je gespielt habe. Natürlich habe ich da eine Gänsehaut gehabt", erklärte der Österreicher.

Umso stolzer machten ihn und seinen Trainer Günter Bresnik, der Thiem kennt wie kaum jemand anderer und davon sprach, ihn "noch nie, seit er auch Grand Slams spielt, so unrund" gesehen zu haben, das Gezeigte. Nach schwierigen Wochen, in denen er nicht immer sein unbestritten großes Potenzial hatte abrufen können, "waren einige Dinge, die zuletzt schlecht waren, wieder da", befand Thiem. "Ich habe wirklich gut serviert, der Return war nicht schlecht, und ich habe mich wieder besser bewegt. Aber ich konnte halt den hohen Level nicht ganz durchziehen", meinte er.

Die Leistung gibt jedenfalls für das zweite Spiel in der Gruppe "Ivan Lendl" am Dienstag gegen Gaël Monfils Zuversicht, zumal die Nervosität geringer sein dürfte, der Franzose das bisher einzige Duell mit Thiem auf dem Platz verloren hat und sich aufgrund eines Trainingsrückstands nach ausgeheilter Rippenverletzung beim 3:6, 4:6 gegen Milos Raonic auch körperlich schwertat. "Nach zwei-, dreimal laufen hat mein Herz begonnen zu pumpen, und meine Beine sind schwer geworden", sagte Monfils, der es ebenso wie Thiem zum ersten Mal zum Finalturnier der ATP geschafft hat. Vor Thiem hat der 30-jährige Weltranglisten-Sechste größten Respekt, "er ist ein fantastischer Spieler", sagte er über seinen um sieben Jahre jüngeren Konkurrenten. Dadurch, dass dieser mehr von der Grundlinie spiele, erhoffe er sich aber auch "mehr Zeit" als gegen den starken Aufschläger Raonic. Für Bresnik ist Thiem so oder so "in allen drei Partien krasser Außenseiter", mit möglichen Aufstiegsszenarien will man sich daher nicht befassen. Vielmehr sollen die auf fünf Tage konzentrierten drei Duelle mit Top-Ten-Spielern dem jungen Österreicher in seiner weiteren Entwicklung helfen. Denn wenngleich Thiem im Vergleich zu den Vorjahren heuer an Konstanz zugelegt hat, sei dies noch ein Bereich, den es für die Zukunft zu verbessern gelte. "Es ist normal, dass ich die Form (vom Frühjahr, Anm.) nicht so hochhalten habe können. Das ist ein Ziel für das nächste oder vielleicht das übernächste Jahr", sagte Thiem. "Jetzt möchte ich einfach zwei weitere gute Matches spielen, dann sehe ich, was rauskommt. Aber es ist vor allem eine gute Erfahrung für mich." Und mit jedem Spiel soll auch die Nervosität ein bisschen kleiner werden. Insofern sieht Thiem die Eindrücke vor dem Spiel gegen Monfils schon ein bisschen relativiert: "Es ist eh nur das Drumherum. Aber im Endeffekt: Der Platz ist gleich groß, und man geht wieder nur rein und versucht zu gewinnen wie bei jedem anderen Turnier."