Moskau/New York. (art) "Es war eine institutionelle Verschwörung" - mit diesen Worten hatte Richard McLaren, von der Welt-Anti-Doping-Agentur mit der Untersuchung des russischen Doping-Skandals beauftragter Chefermittler, seinen Report vor wenigen Wochen zusammengefasst. Nun wiederholte sie Anna Anzeliowitsch, Leiterin der nationalen Anti-Doping-Agentur Rusada, angeblich gegenüber der "New York Times": "Es war eine institutionelle Verschwörung", so wurde sie von der Zeitung zitiert. Eine Wende in einem der größten Dopingskandale der jüngeren Vergangenheit also? Die Rusada wollte dies am Mittwoch nicht so stehen lassen. In einer Stellungnahme gegenüber der Nachrichtenagentur Tass hieß es, die Aussagen seien "verfälscht und aus dem Zusammenhang gerissen" worden.

Die "New York Times" hatte davor weiter berichtet, Anzeliowitsch sei "schockiert über die Enthüllungen" gewesen. Denen zufolge seien zwischen 2011 und 2015 mehr als 1000 russische Sportler in ein staatlich gelenktes Doping- und Vertuschungssystem involviert gewesen, dutzende Proben von Olympia-Teilnehmern manipuliert, positive Tests vertuscht und zahlreiche Großereignisse auf diese Weise "in nie dagewesener Form in korrumpiert" worden, wie McLaren schlussfolgerte. Darüber wurden keine Aussagen Anzeliowitschs veröffentlicht, nur so viel steht in dem "New York Times"-Bericht: Ein Labor-Angestellter habe Proben manipuliert, Mitarbeiter des Geheimdiensts seien involviert gewesen - nicht aber die Regierung.

Nacht- und Nebelaktionen

Auch Staatspräsident Wladimir Putin hat erst vor wenigen Tagen in seiner Jahrespressekonferenz betont, es habe nie ein staatliches Dopingsystem gegeben - "das ist einfach unmöglich". Putin hatte im Juli auf Druck der Weltöffentlichkeit hin die Installierung einer neuen Anti-Doping-Kommission angeordnet, deren Chef Witali Smirnow sich nun laut "New York Times" höchst ambivalent zu den Vorgängen äußerte: Zwar räumte er ein, dass in der Vergangenheit "eine Menge Fehler passiert" seien, allerdings sieht auch er die Schuld bei den Sportlern: Man müsse die "Gründe finden, warum junge Athleten zu Dopingmitteln greifen", sagte er und verwies auf Missstände in anderen Ländern, die seiner Meinung nach zu wenig untersucht worden seien - etwa die Fancy-Bears-Enthüllungen über hinterfragenswerte medizinische Ausnahmegenehmigungen für westliche Athleten. Russland habe "nie die Möglichkeiten gehabt, die anderen Nationen eingeräumt wurden". Ähnlich äußerte sich auch Viktor Berezow, ein Anwalt des russischen olympischen Komitees, zu der Zeitung: "Die Wada hatte Glück, dass sie Rodschenko hatte." Grigori Rodschenko, der ehemalige Chef des russischen Doping-Kontrolllabors, hatte im Sommer präzise über die Usancen der Doping-Vertuschung gesprochen, etwa davon, wie während der Olympischen Spiele 2014 in Sotschi in Nacht- und Nebelaktionen Urinproben durch den Geheimdienst ausgetauscht worden seien, und dadurch die Ermittlungen vorangetrieben. Das offizielle Russland hatte diese Aussagen stets ins Reich der Fantasie, des Verrats und der Rache verwiesen. Nun wurde Berezow mit den Worten zitiert: "In China, in London und wo auch immer könnten dieselben Dinge passiert sein - weil das System kaputt ist."