Sheffield/Peking. Die Plätze in der Halle sind lange im Vorhinein ausgebucht, weltweit verfolgen 350 Millionen Menschen das Spektakel in 89 Ländern vor den TV-Geräten, es sind "die heiligen Tage" für Snooker-Fans, wie Eurosport-Kommentator Rolf Kalb sagt: Wenn die besten Spieler der Gegenwart ab Samstag in 17 nervenaufreibenden Tagen in Sheffield um die WM-Krone spielen, ist - Tragödien und Heldengeschichten inklusive - großes Kino im Crucible Theatre angesagt.

Die Industriestadt Sheffield, in der seit 1977 (und bis inklusive 2027) der Titel ausgespielt wird, ist das Mekka des Sports, Großbritannien als dessen Heimat unumstritten; es ist seine Vergangenheit, als noch in verrauchten Hinterzimmerln gespielt wurde, und seine Gegenwart, in der man sich längst von diesem Image befreit hat und Spieler wie Ronnie O’Sullivan, das ewige Genie, und Mark Selby, der WM-Titelverteidiger, als schillernde Stars gelten. Die Zukunft aber scheint ganz woanders zu liegen. Denn wie Fußball, Basketball und Co. hat auch der Gentleman-Sport, der so "very british" daherkommt, China als Wachstumsmarkt erkannt. Die Lokomotive dieser Entwicklung trägt einen Namen: Ding Junhui.

Der 30-Jährige, der seit mehr als zehn Jahren wenn auch mit Unterbrechungen an der Weltspitze mitmischt, hat eine ganze Generation an Spielern in seinem Heimatland hervorgebracht, die sich nun anschickt, den Sport zu erobern. Heuer haben es erstmals fünf Chinesen ins Hauptfeld der WM geschafft, etwa dreimal so viele nehmen regelmäßig an der Main Tour im Snooker teil. Und angesichts der Euphorie, die in China um Ding und seine Kollegen herrscht, angesichts der infrastrukturellen Möglichkeiten in dem Riesenland, ist zu erwarten, dass es in den kommenden Jahren deutlich mehr werden. "Ich glaube, dass in fünf Jahren die Hälfte der Top 32 Chinesen sind", sagt Barry Hearn, der Vorsitzende des Weltverbands, der auch den Darts-Sport groß gemacht hat. "Ding ist einer der Gründe, warum Snooker so groß ist. Er hat hunderttausende chinesische Snooker-Spieler inspiriert und das Spiel in die Wohnzimmer der ganzen Bevölkerung gebracht."

Schon als Bursch überzeugend

Alleine im Vorjahr verfolgten 210 Millionen Menschen in China die WM auf dem Sender CCTV, als Ding im Finale gegen Selby verlor. Es war die erste Finalteilnahme eines asiatischen Spielers bei der WM. "Und wenn er es schafft, können wir es auch schaffen", denken sich mittlerweile viele Chinesen, die regelmäßig zum Queue greifen. Mittlerweile sollen 70 Millionen seiner Landsleute mindestens einmal wöchentlich Billard spielen, in der 2013 eröffneten CBSA World Snooker Academy in Peking werden Schüler mehrere Stunden täglich mit unbarmherzigem Training gedrillt.