Manama. (art) Es wäre kein Fifa-Kongress ohne Eklat. Am Dienstagmittag, als die Delegierten der Mitgliedsverbände des Weltfußballverbandes in Manama eintrafen, gab’s zunächst ein paar salbungsvolle Worte von Präsident Gianni Infantino als Stimmungsaufheller, doch schon am Abend war es mit der guten Laune auch nach außen hin vorbei. Via Medien hatten die Vorsitzenden der Ethikkommission, Chefermittler Cornel Borbély und Richter Hans-Joachim Eckert, davon erfahren, dass sie vom Council nicht zur Wiederwahl am Donnerstag vorgeschlagen werden sollen - eine "unnötige und ausschließlich politisch motivierte Entscheidung", die die Reformen der Fifa "um Jahre" zurückwerfe, klagte Borbély bei einer kurzfristig einberaumten Pressekonferenz am Mittwoch.

Seine Ausführungen geben indessen auch einen Aufschluss darüber, wieviel Arbeit der korruptionsgebeutelten Fifa noch bevorsteht, ehe die Skandale der Vergangenheit - wenn überhaupt - aufgearbeitet sein werden. "Mehrere hundert Fälle sind noch offen. Wir haben viele laufende Untersuchungen", erzählte der Schweizer. Man habe viel Know-How ausgetauscht, doch nun seien "die erfahrensten Verfolger und Richter" weg, zudem wird bis auf zwei Mitglieder das komplette Personal gewechselt. "Ich bin nicht sicher, wie lange es dauern wird, bis jemand anders mit diesen Fällen umgehen wird", ergänzte Eckert.

Seit 2015, als der Kongress in Zürich von der Festnahme von mehr als ein Dutzend Funktionären und Fifa-Partnern erschüttert wurde, hat die Untersuchungskammer 194 Voruntersuchungen durchgeführt und die rechtsprechende Kammer mehr als siebzig Funktionäre verurteilt. Eckert sieht durch die Personalentscheidungen auch offene Fragen für die strafrechtlichen Verfolgungen in der Schweiz und den USA im Korruptionsskandal rund um den Weltverband. "Was werden die Strafverfolger in Bern machen, was werden die Strafverfolger in den USA machen?", fragte der Korruptionsexperte aus München. Es werde jedenfalls "nicht einfacher" für die Fifa.

Ins Stocken geraten

Im laufenden US-Verfahren gilt die Fifa bisher als Opfer, kann nach US-Recht somit von Verurteilten Entschädigung verlangen. Eckert saß der rechtsprechenden Kammer seit knapp fünf Jahren vor, Borbély war seit zwei Jahren Chef der Untersuchungskammer, nachdem schon sein Vorgänger Michael García entnervt gegangen war. Borbély und Eckert wollten ihre Posten für vier weitere Jahre behalten. Unter ihrer Führung wurden unter anderen der ehemalige Fifa-Präsident Joseph Blatter sowie der frühere Uefa-Chef Michel Platini zu mehrjährigen Sperren verurteilt und auch Verfahren im Skandal um die Vergabe der WM 2006 an Deutschland geführt. Als neue Chefermittlerin schlug der Fifa-Rat die Kolumbianerin María Claudia Rojas vor, die rechtsprechende Kammer soll der frühere Präsident des Europäischen Gerichtshofs, Vassilios Skouris aus Griechenland, leiten. Die Entscheidung muss am Donnerstag vom Kongress angenommen werden, was allerdings als Formalakt gilt.

Der Eklat um die De-facto-Absetzung der beiden Chef-Ethiker wirft indessen einen weiteren Schatten auf die etwas mehr als einjährige bisherige Amtszeit von Infantino, der als selbsternannter Reformer angetreten, auf dem proklamierten Weg der Erneuerung aber schon bald ins Stocken geraten war. Schon im Mai des vergangenen Jahres hatte es die erste Aufregung gegeben, weil Domenico Scala, der als Chef der Audit- und Compliance-Kommission entscheidende Reformen vorbereitet hatte, resigniert zurückgetreten war. Kurz davor hatte der Kongress beschlossen, dass der neue Rat Mitglieder der formal unabhängigen Kommissionen vorübergehend im Alleingang bestimmen und absetzen konnte - und damit jene Personen, die ermächtigt sein sollten, über ihn selbst zu urteilen. Später geriet Infantino wegen geleakter Aufnahmeprotokolle unter Druck: Demnach soll er aktiv Stimmung gegen Scala gemacht haben. Nun steht der Präsident, der seinen Ruf als Erneuerer schneller losgeworden ist, als Cristiano Ronaldo Tore schießen kann, erneut im Fokus. Nicht nur hinter vorgehaltener Hand heißt es, er hätte auch die Absetzung der Chef-Ethiker, die schon im Vorjahr wegen seltsam anmutender Spesenabrechnungen Voruntersuchungen gegen ihn eingeleitet - ihn dann aber mangels Beweisen freigesprochen hatten - vorangetrieben. Der Kongress am Donnerstag wird auch zum Stimmungstest für ihn.