Paris. (art) Am Tag darauf konzentrierten sich die internationalen Sportschlagzeilen auf die vermeintliche Formkrise Novak Djokovićs. Müde, ausgelaugt, nicht mehr hungrig genug sei der Serbe, der die vergangenen Jahre die Tenniswelt dominiert hatte, von Dominic Thiem nun aber nicht nur aus den French Open, sondern auch erstmals seit 2011 aus den Top Zwei der Welt bugsiert wurde. Doch auch Thiem, selbst aktuell Weltranglistensiebenter, hat seinen Platz in den Schlagzeilen längst sicher, dazu hatte davor schon sein Viertelfinaleinzug gereicht.

"Volle Pulle - volle Kanone", hatte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" getitelt - und auf das Match verwiesen, das vor dem Sieg über Djoković das größte der bisherigen Karriere des 23-Jährigen war, jenes gegen Rafael Nadal am 19. Mai im Viertelfinale von Rom: Es habe so ausgesehen, "wie man sich eine Begegnung zweier Abrissbirnen vorstellt", hieß es dort. "Rums und immer wieder Rums - und das präsentiert von zwei der freundlichsten, höflichsten, zuvorkommendsten, nettesten Typen, die sich im Tennis finden lassen." Diesen Ruf hat sich Thiem mittlerweile auf der Tour erworben, nicht erst durch seinen 6:4, 6:3-Erfolg gegen Nadal: Knallhart auf dem Platz, bescheiden und bodenständig abseits davon, und auch dafür wird er von seinen Gegnern bewundert. Am Freitag (nicht vor 15.30 Uhr) trifft er erneut auf Nadal, für die Presse ist es das Duell "Dom-inator" gegen "Gladiator", "Sandplatz-Prinz gegen "-König".

Keine Zeit für Freudensprünge


Wäre Thiem vor einigen Monaten trotz seiner bisherigen Erfolge krasser Außenseiter gewesen, trauen ihm einige nun zu, Nadal auf dessen Weg zur "Décima", zum zehnten Titelgewinn eines Spielers bei ein und demselben Grand-Slam-Turnier, zum Stolpern zu bringen. Auf den Sieger des Duells wartet am Sonntag im Finale der Gewinner der Partie Stan Wawrinka gegen Andy Murray (12.45 Uhr/beide Partien ORFeins, Eurosport). Das Damen-Finale am Samstag bestreitet die Lettin Jelena Ostapenko nach einem Dreisatzsieg über Timea Bacsinszky gegen die Siegerin aus Simona Halep gegen Karolína Plíšková (nach Redaktionsschluss).

An ein mögliches Endspiel will Thiem freilich noch nicht denken, schon das des Semifinales sei "eine Sensation", hatte er nach dem Erfolg gegen Djoković gemeint. Dennoch betont er, das Turnier gehe weiter, für Freudensprünge sei er deshalb noch nicht bereit. Der jüngste Sieg gegen Nadal - sein zweiter bei vier Niederlagen - helfe "ein bisserl im Hinterkopf", überbewerten will er ihn aber nicht. Zum einen waren damals die Bedingungen andere, zum anderen ist Nadal nun wieder in Topform. "Er ist der härteste Gegner, den man sich hier nur vorstellen kann", betonte Thiem. Nadal steht ihm im Lob um nichts nach. "Er schlägt den Ball sehr hart und ist voller Power. Vorhand, Rückhand, Aufschlag - diese Waffen sind ziemlich gut." Tennis mit der Abrissbirne halt - nur höflicher formuliert.