Wien. Fans rissen sich um seine Autogramme, die Medien feierten seine Triumphe. Peter Seisenbacher, Judolegende, zweifacher Olympia-Goldmedaillengewinner, Träger des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich, war lange ein umjubelter Sportstar. Doch zwischen 1997 und 2004 soll er sexuelle Handlungen an drei damals minderjährigen Mädchen, die er als Judotrainer betreute, vorgenommen haben. Die Staatsanwaltschaft Wien klagte ihn wegen des schweren sexuellen Missbrauchs von Unmündigen und der Ausnützung eines Autoritätsverhältnisses an. Seisenbacher tauchte unter, zur Hauptverhandlung im Dezember 2016 erschien er nicht.

Monatelang wurde Seisenbacher gesucht, am Dienstag wurde er in einer Wohnung in Kiew festgenommen. Die österreichische Justiz begehrt seine Auslieferung. Die notwendigen Unterlagen wurden vom Wiener Straflandesgericht bereits nach Kiew übermittelt. Heute, Donnerstag, soll das Bezirksgericht Kiew-Petschersk entscheiden, ob Seisenbacher in Auslieferungshaft genommen wird.

"Wir haben gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit der Ukraine gemacht", sagt Christian Pilnacek, Chef der Strafrechtssektion im Justizministerium, zur "Wiener Zeitung". So habe es bereits Auslieferungen von Verdächtigen von der Ukraine nach Österreich gegeben. Die rechtliche Grundlage bietet das Europäische Auslieferungsübereinkommen, dem Österreich und die Ukraine als Vertragsparteien angehören.

Die Ukraine liefert ausländische, zur Strafverfolgung ausgeschriebene Verdächtige dann aus, wenn ihnen vom ersuchenden Staat strafbare Handlungen vorgeworfen werden, die mit mehr als einem Jahr Haft oder "schwerer Strafe" bedroht sind. Seisenbacher droht im Fall einer Verurteilung eine Haftstrafe von einem bis zu zehn Jahren.

Wie viel Zeit das Auslieferungsverfahren beanspruchen wird, ist noch unklar. Zuletzt habe es einen Fall gegeben, bei dem die Auslieferung eines Verdächtigen von der Ukraine nach Österreich vier Monate gedauert habe, sagt Pilnacek. Bei Seisenbacher komme es auch darauf an, "wie er sich verhält". So könne etwa die Anmeldung eines Rechtsmittels das Verfahren verzögern.

Kontakt nach Festnahme

Von seiner Seite gebe es keine Bestrebungen, ein solches Rechtsmittel zu ergreifen, erklärt Bernhard Lehofer, Seisenbachers Verteidiger. "Ich gehe davon aus, dass er interessiert ist, schnell nach Österreich zu kommen", meint Lehofer. Er könne aber nicht sagen, "wie schnell oder langsam die ukrainischen Behörden arbeiten".

Mit Seisenbacher hatte Lehofer zuletzt unmittelbar nach der Festnahme telefonischen Kontakt. Seitdem sei es ihm nicht möglich gewesen, wieder mit seinem Mandanten zu sprechen, erklärt der Grazer Rechtsanwalt.

Entsetzen rief bei ihm die Veröffentlichung von Festnahmefotos in österreichischen Zeitungen aus. Diese zeigen Seisenbacher mit verpixeltem Gesicht, nur in einer Unterhose bekleidet, in Handschellen und auf dem Sofa seiner Wohnung sitzend. Jemand so herabzuwürdigen, sei nicht akzeptabel. Ob er rechtliche Schritte dagegen einleitet, müsse er noch mit seinem Mandanten besprechen, sagt Lehofer.

Internationale Kooperation

Der Festnahme Seisenbachers waren monatelange Ermittlungen vorangegangen. Nachdem der Doppelolympiasieger der Hauptverhandlung ferngeblieben war, erließ das Straflandesgericht Wien eine internationale Festnahmeanordnung. Zielfahnder des Bundeskriminalamtes (BKA) spürten seit Januar 2017 dem Untergetauchten nach. Auch in Tiflis und Kiew stationierte Verbindungsbeamte des österreichischen Innenministeriums waren involviert.

Durch erste Erhebungen wurde festgestellt, dass Seisenbacher Mitte Dezember 2016 von Georgien in die Ukraine eingereist war. Seisenbacher war in der Vergangenheit als Trainer der Judo-Nationalmannschaften von Georgien und Aserbaidschan tätig gewesen.

Nach weiteren Ermittlungen, bei denen die österreichischen Behörden mit den georgischen und ukrainischen kooperierten, wurde Seisenbachers Aufenthaltsort in Kiew eruiert. Sondereinheiten der ukrainischen Polizei nahmen ihn am Dienstag fest. Laut Presseinformationen des BKA soll Seisenbacher völlig überrascht gewesen sein und keinen Widerstand geleistet haben.