Phillip Island. (art) Wenn die Formel vom Kommen, Sehen und Siegen auf jemanden zutrifft, dann auf Marc Márquez: 2013 in die MotoGP aufgestiegen, avancierte der Spanier zum jüngsten Grand-Prix-Sieger, zum ersten Rookie seit 1978, der Weltmeister wurde - und das mit 20 Jahren und 266 Tagen als jüngster Fahrer der Geschichte. Zum Drüberstreuen legte er im darauffolgenden Jahr noch einmal nach, holte mit 13 Siegen mehr als jeder andere davor in einer Saison und gewann die Weltmeisterschaft als jüngster Pilot zwei Mal hintereinander. Titel Nummer drei sollte im Vorjahr folgen. Während das Temperament des Mannes aus Cervera umstritten ist, war es die Frage, ob er auch heuer wieder ein Anwärter auf den Titelgewinn sein würde, nicht. Im drittletzten Rennen der Saison am Sonntag auf Phillip Island (7 Uhr MESZ/Servus TV) liegt er plangemäß auch in Führung. Und doch hat sich etwas geändert. Denn nun wird er von jemandem gejagt, der eine Karriere hingelegt hat, die konträrer zu seiner nicht hätte verlaufen können: von Andrea Dovizioso, 31 Jahre alt, seit zehn Jahren in der höchsten Klasse und seither nie Bester als Dritter - und auch das liegt schon sechs Jahre zurück. Damals fuhr Dovizioso noch auf Honda, dem nunmehrigen Arbeitgeber von Márquez.

Schranken im Kopf abgebaut


Nun scheint Dovizioso auch seine Ducati-Maschine, an der sich nach dem Titelgewinn von 2007 schon viele mit überschaubarem Erfolg abgearbeitet haben - bestens im Griff zu haben, elf Punkte trennen ihn nur noch von Márquez. Fünf Rennsiege hat er heuer gefeiert, darunter den für die motorsportverrückten Tifosi in Mugello sowie jenen in Spielberg und zuletzt in Motegi. In den letztgenannten Rennen wies er Márquez in mitreißenden letzten Kurven in die Schranken.

Dabei galt Dovizioso trotz seines früh erkennbaren Talents, seiner Grundschnelligkeit und seines Titels in der 125-ccm-Klasse im Jahr 2004 die meiste Zeit seiner Karriere als beständiger Platzfahrer. Sein erster MotoGP-Sieg im Jahr 2009 in Donington sollte bis zur Vorsaison sein letzter bleiben. Bisweilen standen ihm Abstimmungs- und Materialprobleme im Weg, dann aber auch seine eigene Bescheidenheit, das, was man gemeinhin als den letzten Biss bezeichnet. "Seit Saisonmitte 2016 habe ich viele Dinge über das Leben verstanden. Es hat mir geholfen, das Leben und den Sport auf andere Weise anzugehen", sagt er nun. Mittlerweile arbeitet er auch mit einem anerkannten Mentalcoach, der ihm geholfen habe, die Schranken im Kopf abzubauen: "Viele Sportler denken vor Wettkämpfen darüber nach, wo die Grenzen liegen könnten. Wenn man das tut, existieren sie wirklich."

Seine taktisch kluge Fahrweise, seine Beständigkeit und seine Fähigkeit, sich rasch auf wechselnde Bedingungen einstellen zu können - wie sie witterungsbedingt auch auf dem Meereskurs von Phillip Island herrschen können -, könnten ihm in diesem Saisonfinale noch zugutekommen. Márquez hingegen hat auch schon unliebsame Erfahrungen mit seinem aggressiven Fahrstil gemacht - auch und gerade in Australien. Vor zwei Jahren gewann er das Rennen, ansonsten sah er seit seinem Aufstieg in die MotoGP-Klasse allerdings kein einziges Mal das Ziel.

Fehler wie bei seinen Stürzen will er diesmal unbedingt vermeiden, sagt er und zieht einen Vergleich: "Immer wenn ich in Motegi gewonnen habe, bin ich hier gestürzt. Diesmal bin ich in Motegi Zweiter geworden. Wir zwei kämpfen um den Titel. Darum werde ich ganz anders an das Rennen herangehen als im Vorjahr und versuchen, das Risiko in der Balance zu unserem Level zu halten", versichert er. Gehässigkeiten zwischen den Rivalen der Rennbahn - wie bei nicht wenigen anderen Duellen der jüngeren Geschichte - blieben diesmal übrigens beiderseits aus, beide sprechen mit höchstem Respekt vom anderen. "Jeder genießt diesen Fight", sagt Dovizioso.