Graz/London/Wien. "Es hat in meinem Leben schon Zeitpunkte gegeben, in denen ich nicht gewusst habe, wer ich bin und wie ich damit umgehen soll. Ich wäre am liebsten davongelaufen." Oliver Egger erging es wie - nach wie vor - vielen jungen Menschen, die damit kämpfen, ob sie sich offen zu ihrer Homosexualität bekennen sollen oder nicht. Doch Eggers Fall ist noch einmal anders gelagert: Er spielt beim FC Gratkorn Fußball. Kaum ein aktiver Kicker hat sein Coming-out während seiner Karriere, zu groß sind nach wie vor die Vorurteile, zu tief verwurzelt ist die Alltags-Homophobie in den Stadien. Doch irgendwann hatte Egger die schwulenfeindlichen Sprüche satt. Er informierte Trainer und Klubchef, irgendwann war es normal, dass er mit seinem Freund bei einer Feier auftauchte. Der Film "Der Tag wird kommen" - gleichnamig wie der 2014 herausgekommene Song des Hamburger Musikers Marcus Wiebusch, der dasselbe zum Thema hat - von ORF-Kameramann Erwin Schwischay erzählt seine Geschichte. Er soll 2018 offiziell ausgestrahlt werden, eine erste Präsentation bekamen die Gäste im ORF-Landesstudie Steiermark vor einigen Tagen zu sehen. Egger gibt sich im ORF-Interview gelöst, allerdings habe man schon gemerkt, "dass von Fan-Seite einige Probleme auftauchen können, wenn sich ein Profisportler dazu entschließt, sich zu outen", sagt er. "Fußball wird von vielen noch als Männerbastion angesehen, es wird immer Männlichkeit mit dem Fußball verbunden." Das und die damit verbundenen Vorurteile schrecken nach wie vor viele aktive Fußballer vor einem Coming-Out ab.

Drei Viertel hätten kein Problem mit schwulen Teamspielern


Der bekannteste Fußballer, der den Schritt getan hat, war der frühere deutsche Nationalspieler Thomas Hitzlsperger 2014 - aber der hatte zu diesem Zeitpunkt seine Karriere schon beendet.

Doch wie homophob sind Fußballfans tatsächlich? Eine neue Studie der Plattform Forza Football sowie der Lesben-Gay-Bi- und Transgender-Organisation Stonewall lässt nun aufhorchen: Denn eine Befragung unter 50.000 Fans in 38 verschiedenen Ländern zeichnet ein anderes Bild als gemeinhin angenommen - zumindest, wenn es um die Selbstwahrnehmung geht. Demnach gaben insgesamt drei von vier Fans an, sie hätten kein Problem, wenn ein bekennender Schwuler oder Bisexueller in ihrem Nationalteam spielen würde.

Die Länderunterschiede sind allerdings signifikant: So finden sich die tolerantesten Fans in Island und Irland, wo neun von zehn diese Einstellung teilen. Am anderen Ende der Skala befinden sich Saudi-Arabien, Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate, wo nur einer von zehn kein Problem damit hätte; in Katar, dem Gastgeberland der WM 2022, ist es einer von sieben. Beim kommenden WM-Ausrichter Russland gab fast die Hälfte an, diesbezüglich offen eingestellt zu sein. Dies ist immerhin eine deutliche Veränderung seit 2014, als die Studie in diesem Umfang zum ersten Mal erstellt wurde: Damals betrug die Quote für Russland einer von fünf. Aus Österreich gibt es keine Zahlen.

Hoffnung auf Besserung
durch Großereignisse


Katar und Russland stehen aufgrund der kommenden Großveranstaltungen besonders im Blickpunkt. Während im Bezug auf das Wüstenemirat der Satz des Ex-Fifa-Präsidenten Sepp Blatter, wonach homosexuelle Fans eben auf Sex verzichten sollten, noch in schlechter Erinnerung ist, sorgte in Russland in den vergangenen Jahren ein Gesetz für Aufregung, das positive Aussagen über Homosexualität in Anwesenheit Minderjähriger unter Strafe stellt. Homosexualität selbst ist nicht illegal, allerdings sind Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender Drangsalierungen ausgesetzt; auch Fußball-Klubchefs fallen immer wieder mit diskriminierenden Äußerungen auf. Interessensvertretungen hoffen nun, dass die WM einen positiven Beitrag zu einem Umdenken leisten kann. "Für viele in Russland wird die WM als Chance gesehen, dass die Alltagsdiskriminierung in den Fokus gerät, dass sie hinterfragt und kritisiert wird", sagt Stonewall-Geschäftsführerin Ruth Hunt. "Wir glauben, dass die Weltmeisterschaften die Möglichkeit zu Diskussionen bieten, die zu einer positiven Veränderung führen können." Forza-Football-Chef Patrik Arnesson ergänzt: "Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender sind Teil der Fußball-Community auf der ganzen Welt und haben dasselbe Recht, zu spielen und die Spiele zu verfolgen, wie jeder andere auch." Der Tag, an dem dies weltweit als Normalität betrachtet wird, ist freilich noch immer in weiter Ferne.