Innsbruck. (art) Am Ende hingen dann doch manche der mit aufgeklebten oder -gemalten Oberlippenbärten verzierten Mundwinkel hinab. Die deutschen Fans hatten sich als Richard-Freitag-Lookalikes herausgeputzt, in der Hoffnung auf den ersten deutschen Tagessieg beim Neujahresspringen in Garmisch seit 16 Jahren. 21.000 waren gekommen, das Fernsehen verzeichnete Höchstquoten. Freitag sprang gut, landete am Ende auf Platz zwei - doch Kamil Stoch erwies sich als Partycrasher. Wie schon in Oberstdorf. "Ein Stoch ins Herz", titelte der "Spiegel".

Vor dem dritten Bewerb, jenem, der in Innsbruck am Donnerstag stattfinden soll, so der Wind ihn nicht verweht, führt der Pole nach seinen beiden Tagessiegen in der Gesamtwertung mit umgerechnet rund 6,5 Metern vor Freitag. Der Rückstand ist aufholbar, Freitag noch immer gut im Rennen um den ersten deutschen Gesamtsieg seit Sven Hannawalds Triumph vor 16 Jahren. Doch als Favorit geht nun Stoch in die zweite Tourneehälfte. Und anders als sein deutscher Konkurrent kennt er das Gefühl schon aus dem Vorjahr. Dass er mit Druck umgehen kann, hat er schon mehrfach bewiesen.

"Krankhaft ehrgeizig"


Der 30-Jährige aus der Springer-Hochburg Zakopane ist als Doppelolympiasieger, Einzel- und Teamweltmeister, Gesamtweltcupsieger und Vierschanzentournee-Gewinner einer der höchstdekorierten Athleten im Skisprung-Zirkus. Er hat mit dem vom Österreicher Stefan Horngacher angeführten Trainerstab, einem starken Sportlerteam und seiner Managerin, die gleichzeitig seine Ehefrau ist, ein perfektes Umfeld um sich, mit dem er es geschafft hat, rechtzeitig zum ersten Saisonhöhepunkt in Bestform zu kommen. Dass er "krankhaft ehrgeizig" ist, wie er selbst von sich sagt, ist Vor- und Nachteil zugleich. Manchmal muss ihn Horngacher bremsen, ihm zureden, lockerer zu werden und das Springen zu genießen. An Tagen wie diesen gelingt dies etwas besser, da können ihn auch die Kampfansagen der Konkurrenz nicht einschüchtern. "Er ist nicht unschlagbar. Niemand ist das", sagte etwa Freitag. "Kamil springt schon sehr, sehr gut. Aber ich finde, er springt nicht besser als Richard", befand Werner Schuster, der Cheftrainer der Deutschen.

Die Frage nach Hannawald


Natürlich sind auch sie sich der Qualitäten des Polen, der in seiner Heimat Rockstar-gleich verehrt wird, bewusst. "Kamil ist mit allen Wassern gewaschen und einer der Ausnahmekönner unserer Sportart, der schon alles gewonnen hat", sagte Schuster. Und: "Er ist halt ein gnadenloser Killer."

Stoch selbst befasst sich indessen nicht näher mit der Gegnerschaft, aus der neben ihm nur noch Freitag realistische Chancen auf den Gesamtsieg hat. "Ich schaue nicht auf die Konkurrenz, sondern versuche, gute Sprünge zu machen und mich darüber zu freuen", sagte er in Garmisch. Gewinnt er als Vorjahres-Vierter auch in Innsbruck, hat Stoch zwar noch nicht den bisher nur von Hannawald erreichten Grand-Slam geschafft, aber saisonübergreifend auf allen vier Schanzen nacheinander triumphiert.

Freilich wird dieser Tage immer wieder auch über Hannawalds Rekord und seine Chancen, diesen einzustellen, gesprochen. Stoch kommentiert die Spekulationen mit der gleichen Nüchternheit, mit der er seine Sprünge absolviert: "Das interessiert mich überhaupt nicht."