Dass Sport als gesellschaftlicher Katalysator dienen kann, zeigten bereits die Olympischen Sommerspiele 1988 in Seoul. Damals wurde der Begriff "Paralympics" eingeführt, und sie wurden erstmals am selben Austragungsort wie die Olympischen Spiele abgehalten. Durch die mediale Aufmerksamkeit begann die Regierung wenig später, Unternehmen mit einer Einstellungsquote für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen zu belegen. Die traurige Wahrheit ist allerdings auch: Selbst im Jahr 2018 kaufen sich viele Firmen mit einer vergleichsweise laxen Strafe von der Regelung frei.

Abenteuerliche Anekdoten

Noch immer leiden Menschen mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung im ostasiatischen Tigerstaat unter einem sozialen Stigma. Im vergangenen Jahr hat dies ein besonders drastischer Fall offengelegt: Als die Seouler Stadtregierung eine Sonderschule im Bezirk Gangseo-gu errichten wollte, liefen die Hausbesitzer dagegen Sturm - aus Angst, dass durch den Bau die Immobilienpreise in der Wohngegend sinken könnten.

Auch Yoo In-sik kennt die Diskriminierung aus eigener Erfahrung: Etwa, wenn sich die Menschen im Gondellift nicht neben ihn setzen wollen: "Viele Koreaner haben eine geradezu abergläubische Angst, dass es ihnen Unglück bringt." Einmal, als er seine Prothese vor der Fahrt am Pistenende achtlos hingelegt hatte, hat eine Reinigungskraft sie einfach weggeworfen. Damals fühlte sich Yoo In-sik wie ein Aussätziger.

Doch sein hartes Training zahlte sich aus. Tatsächlich schaffte er die Qualifikation für die Paralympischen Winterspiele im französischen Albertville 1992. Wenn er von dem Wettbewerb berichtet, klingen seine Anekdoten mehr als abenteuerlich: Erst um Mitternacht vor dem Turnier kommt er in Albertville an, nach nur drei Stunden Schlaf geht es sofort auf die Piste. Die alpine Berghöhe ist für den Südkoreaner ungewohnt, den Streckenverlauf kennt er nur vage. Seine Skier sind eigentlich für den Slalom ausgerichtet, dabei fährt er Abfahrt. Die Unterarmstützen hat Yoo In-sik selber hergestellt.

"Natürlich empfinde ich Bedauern, wenn ich daran zurückdenke. Doch letztlich habe ich dafür gekämpft, das Beste aus der Situation zu machen", sagt der paralympische Vorreiter. Immerhin reichte es für einen Platz im Mittelfeld. Doch auch das Ergebnis erfährt der Athlet erst Tage später - Übersetzer gab es damals keine.

In Pyeongchang hätte sich Yoo In-sik nun gerne seinen zweiten olympischen Traum erfüllt: als Testfahrer bei den Paralympics. Doch der Wintersportverband lehnte seine Bewerbung ab.

Doch Yoo versucht, es positiv zu sehen, derzeit konzentriert er sich aufs Gewichtheben und seine Arbeit in der Werkstatt. Im Winter zieht es ihn trotz seiner 55 Jahren jedes Wochenende auf die Piste: "Skifahren liebe ich noch immer wie am ersten Tag."