Matthias Sindelar (l.) schoss die "Ostmark" zum 1:0. Die Deutschen hatten das Nachsehen. - © apa/Graf
Matthias Sindelar (l.) schoss die "Ostmark" zum 1:0. Die Deutschen hatten das Nachsehen. - © apa/Graf

Wien. Da staunte der Reichssportführer nicht schlecht. Nun war ja zwar bekannt, dass die Österreicher gut Fußball spielen konnten. Dass aber die "Ostmärker", wie die Menschen aus der Alpenrepublik nach dem im März erfolgten "Anschluss" an Deutschland genannt wurden, das deutsche Team beim letzten Gastauftritt im alten Österreich derart peinlich vorführen würden, damit hatte Hans von Tschammer und Osten nicht gerechnet. Den 60.000 Zuschauern, die an diesem 3. April 1938 den Weg ins Wiener Praterstadion gefunden hatten, um hier das letzte Länderspiel - auch Versöhnungsspiel genannt - zwischen Deutschen und (einverleibten) Österreichern zu sehen, erging es nicht viel anders.

Die Freude über das 2:0 der österreichischen Auswahl war dennoch groß. Ebenso wie die beiden erzielten Tore von Matthias Sindelar und Karl Sesta sehenswert waren. War der Treffer des Austrianers Sindelar nach Stangenschuss und Abpraller (von Franz Binder) noch Glück gewesen, gelang Sesta ein richtiges Steirertor. Wie dieses zustande kam, konnte man tags darauf in der Zeitung lesen, unter anderem im "Wiener Tagblatt": "Sesta führte von der Platzmitte einen Freistoß aus: der Ball, der beträchtliche Höhe erreichte, senkte sich vor dem Tor der Deutschen, Tormann Jakob griff in die Luft - und das Leder rollte ins Tor." Das 2:0 wurde von Spielern und Publikum so frenetisch gefeiert, sodass Tschammer von Osten irritiert um sich blickte. Was sollte das? Musste man sich jetzt vielleicht, eine Woche vor der für den 10. April 1938 angesetzten Volksabstimmung über den bereits erfolgten "Anschluss", um die nationale Einstellung dieser "Ostmärker" sorgen machen?

Dabei war das Unbehagen, das den Reichssportführer angesichts der Kundgebung im Praterstadion beschlichen haben musste, nicht einmal so unbegründet. Das hatte weniger mit dem Endergebnis als mit der Tatsache zu tun, dass man eigentlich das "Anschluss"-Spiel für Propagandazwecke für die bevorstehende Abstimmung nutzen wollte. Tagelang war in Radio und Zeitung - auch auf den Sportseiten - unverhohlen für ein klares Bekenntnis der Wahlberechtigten, wobei Regimegegner und Juden ausgeschlossen waren, geworben worden. "Länderkampf gegen Österreich im Zeichen der Wahlpropaganda", titelte etwa "Das Kleine Volksblatt" und kündigte nicht ohne Pathos an: "Acht Tage vor jenem 10. April, an dem 75 Millionen Deutsche und darunter auch die sechs Millionen Deutschösterreicher der Welt zeigen werden, daß sie in voller und unerschütterlicher Einigkeit zu ihrem Führer Adolf Hitler stehen, werden im Wiener Stadion Deutschlands und Deutschösterreichs Fußballer die Fahne schwingen als Werber für diese Einigkeit, an der wir alle mitarbeiten wollen zum Segen unseres gemeinsamen großen deutschen Vaterlandes."