- © M. Hirsch
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Nyon. (art) Die Überraschung hielt sich in Grenzen, die Erleichterung deshalb noch lange nicht; schließlich weiß man ja nie, wenn es um die Vergabe großer Sportveranstaltungen geht. Am Donnerstag stand im Hauptquartier des europäischen Fußballverbandes Uefa in Nyon jene der Europameisterschaftsendrunde 2024 auf dem Programm, Deutschland war als haushoher Favorit ins Rennen mit der Türkei, dem einzigen Mitbewerber, gegangen. Und doch war der Jubel bei der Delegation des deutschen Verbandes DFB, angeführt von Präsident Reinhard Grindel, Botschafter und Ex-Teamkapitän Philipp Lahm und Teamchef Joachim Löw, groß, als Uefa-Chef Aleksander Čeferin den Zettel mit der Aufschrift "Germany" aus dem Kuvert zauberte.

Schließlich haben die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 an Russland und Katar durch den Weltverband Fifa bewiesen, dass nicht immer die Bewerbung mit den besten Noten, sondern den größten Briefbörsen zum Zug kommt. Diesmal allerdings votierten laut Grindel bei einer ungültigen Stimme zwölf Mitglieder des Uefa-Exekutivkomitees für Deutschland, vier für die Türkei. Damit wird 18 Jahre nach der bisher letzten Fußball-Großveranstaltung in Deutschland die nächste in Österreichs Nachbarland stattfinden.

Die WM 2006 stand unter dem Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" - und unter dieses wollte Lahm auch das Turnier 2024 gestellt sehen. "Wir haben tolle Stadien, Zuschauer, die den Fußball lieben, und - das ist das Wichtigste - Menschen, die gemeinsam mit ganz Europa gerne ein großes Fußball-Fest feiern wollen", sagte Lahm. Grindel wiederum betonte die Sogwirkung für den Nachwuchs. Tatsächlich dürfte die Bewerbung vor allem mit den großteils vorhandenen Stadien sowie der bestehenden Infrastruktur und wirtschaftlicher Stabilität gepunktet haben; zudem steht die Türkei bei Menschenrechtsorganisationen und wegen politischer Verstimmungen anhaltend in der Kritik. Dass man nun schon zum vierten Mal nacheinander für die Kontinental-Titelkämpfe das Nachsehen hatte, sorgte allerdings für Unmut.

Doch auch die Deutschen sind nicht frei von Sorgen. Dubiose Geldflüsse rund um die Vergabe der WM 2006 sind nach wie vor ungeklärt. Das spielte freilich am Donnerstag keine Rolle, stolz hatte der DFB davor seine Kandidatur präsentiert, auch auf die zehn Austragungsorte hat man sich schon festgelegt. Es sind dies Berlin, München, Dortmund, Stuttgart, Köln, Düsseldorf, Hamburg, Leipzig, Gelsenkirchen und Frankfurt. Das Olympiastadion in der Hauptstadt mit einer Kapazität von 70.000 Zuschauern ist der logische Kandidat für das Finale.

Gratulationen kamen jedenfalls unmittelbar nach der Bekanntgabe der Entscheidung aus Österreich; ÖFB-Präsident Leo Windtner sprach davon, dass "unsere deutschen Kollegen schon oft bewiesen haben, welch tolle Gastgeber sie sind", und äußerte den Wunsch, dass sich Österreich für das Ereignis, das mit 24 Mannschaften ausgespielt wird, qualifiziert.

Während die ÖFB-Elf bei der WM in Russland durch Abwesenheit glänzte, blamierte sich auch Deutschland sportlich mit dem Gruppen-Ausscheiden. Genau drei Monate danach durfte der DFB damit zumindest auf dem fußballpolitischen Parkett wieder einen wichtigen Sieg feiern. Und auch für den zuletzt unter anderem durch die Affäre um Mesut Özil angeschlagenen Verbands-Präsidenten Grindel stellt der Zuschlag einen wichtigen Befreiungsschlag dar. Er kündigte große Anstrengungen für ein erfolgreiches Turnier an. "Wir werden ab morgen alles dafür tun, den Erwartungen gerecht zu werden", sagte Grindel. "Ich spüre Verantwortung. Wir wissen, was dieses Turnier für die Uefa bedeutet."

Allerdings wird es nicht nur für den Europaverband wegweisend, sondern könnte auch Impulse für die deutsche Wirtschaft bringen. Diese geht von Geschäften in Milliardenhöhe aus, nachdem der Handel sich schon bei der WM 2006 über einen zusätzlichen Umsatz von zwei Milliarden Euro gefreut hatte.