Los Angeles/Boston – Manche Klischees existieren halt doch nicht, weil das Gegenteil von ihnen der Fall ist. Über den Dingen zu stehen, und ist der Erfolg noch so groß, war historisch besehen noch die Stärke der Boston Red Sox und die World Series 2018 bildete dabei ausdrücklich keine Ausnahme. Nur fünf von maximal sieben möglichen Spielen brauchten die Männer von Chefcoach Alex Cora, um ihren Endspielgegner Los Angeles Dodgers zu biegen. Am Sonntagabend Ortszeit Westküste brachten die Red Sox im Dodgers Stadium auf eindrucksvolle Weise einen Dreipunkte-Vorsprung über die Zeit (Endstand 9-6) und besiegelten, dass sie sich zum insgesamt neunten Mal in ihrer Geschichte Weltmeister im nordamerikanischen Baseball nennen dürfen.

Im Gegensatz zur Vorsaison, in der die Houston Astros sieben Spiele brauchten, um den damals wie heute von Dave Roberts betreuten Dodgers Herr zu werden, lief das heurige Major League Baseball (MLB)-Finale relativ glatt ab; retrospektiv gesehen kam zu keinem einzigen Zeitpunkt wirklich das Gefühl auf, dass die im Vorfeld favorisierten Red Sox das Ding wirklich vergeigen könnten. Auch insofern ist es mehr als bemerkenswert, wie sie reagierten, nachdem der letzte Pitch in den Armen ihres Catchers Christian Vazquez gelandet war. Als in der Kabine die Champagnerkorken knallten, ertönte noch lange vor ihrer inoffiziellen Klubhymne – dem Neil Diamond-Oldie "Sweet Caroline" – zuerst die ihres Erzfeinds und dann, quasi um es den Gastgebern nochmal so richtig reinzureiben, die ihrige. Konkret: Auf Frank Sinatras "New York, New York" (Yankees) folgte Tupac Shakurs "California Love" (Dodgers) und alle sangen sie und tanzten mit in Boston als ob es kein Morgen gäbe. Nun wäre es für jedes andere der insgesamt 30 Teams, die die MLB versammelt, undenkbar, im Moment des größtmöglichen Erfolgs zuerst an andere zu denken, aber den Red Sox von 2018 schien die ultimative Zurschaustellung ihrer ewigen Minderwertigkeitskomplexe auch diesmal nicht peinlich zu sein.

Eine der besten Baseballmannschaften aller Zeiten

Die Reaktion der Bostonier auf ihren Triumph stellt sich auch insofern als, nunja, wunderlich dar, als sie schon jetzt als eine der besten Baseballmannschaften aller Zeiten gelten. Keine Übertreibung, die Zahlen erzählen die Geschichte: Der Sieg in Game 4 der World Series war ihr insgesamt 119. in dieser Saison, soll heißen in der regulären plus Playoffs. In der über 115-jährigen MLB-Historie gab es nur zwei Teams, die mehr zustande brachten, die New York Yankees im Jahr 1998 (125 Siege) und die Seattle Marines 2001 (120). Und dann kam es im Laufe der Finalserie zudem noch zu einem anderen Rekord, den sie sich nur mit ihrem Gegner teilen müssen. Das dritte Spiel der World Series geriet zum mit Abstand längsten auf dieser Bühne je gespielten. Sage und schreibe 18 Innings – über sieben Stunden Spielzeit – hatte es am vergangenen Freitag gedauert, bis ein Sieger feststand; was unter anderem dazu führte, dass die Red-Sox-Fans daheim an der Ostküste erst um vier Uhr früh ins Bett kamen. An diesem Tag hatten zum ersten und einzigen Mal in der Serie die Kalifornier das bessere Ende für sich, verkürzten den in den Tagen zuvor erarbeiteten Vorsprung Bostons auf 1-2. Es nutzte alles nichts. Am Ende gingen sie, wie im Vorjahr, leer aus.

Quasi erschwerend kam hinzu, dass sie am Sonntagabend, nachdem die letzte Schlacht geschlagen war, ihr Fett nicht nur von den Red Sox, sondern via Social Media auch von ihrem eigenen Erzfeind bekamen. Die San Francisco Giants "gratulierten" den Dodgers mit einer eigens angefertigten Illustration, in der sich Pitcher Clayton Kershaw und Right Fielder Yasiel Puig über die Teilnahme-Trophäe für einen neuerlichen Auftritt in der World Series "freuen", während im Hintergrund des Bild die Giants-Stars über ihren drei Titelpokalen chillen. Fazit: Hüben wie drüben ist Respekt vor dem Gegner in den USA 2018 keine Tugend mehr. Ob in der Politik oder im Sport.