Schwechat. Die Gruppe von Burschen aus Oberösterreich stimmt "Winterwonderland" trotz der milden Temperaturen an diesem Novemberabend an. Es ist die Referenz an den schon zurückgetretenen Altmeister und die Legende unter den Darts-Profis, Phil Taylor. Die jungen Männer warten mit hunderten anderen Besuchern in einer langen Schlange auf Einlass in das Multiversum-Veranstaltungszentrum in Schwechat bei Wien. Dort geht an diesem Wochenende erstmals das Finale der World Series der Profivereinigung PDC über die Bühne - der Sieger steht am heutigen Sonntagabend fest. Wie in England sind viele Zuschauer wie im Fasching verkleidet gekommen: Frauen in Baströckchen, Männer als Häschen oder Schweinchen oder in schrill bedrückten Anzügen. Andere tragen zumindest rote Leibchen mit der Aufschrift Mensur.

Der 46jährige Wiener Mensur Suljovic ist Vizeeuropameister 2016, Österreichs Aushängeschild im Präzisionssport Dart und Lokalmatador in Schwechat und am Samstagabend in der Zweitrunde im siebenten von acht Partien an der Reihe.

Ein Großteil der mehr als 2500 Zuschauer ist wegen der Atmosphäre in der Halle bei dem mit 250.000 Pfund dotierten Darts-Turnier, das die Größen dieses Sport nach Österreich bringt, gekommen. Zu dieser Stimmung gehört das Mitsingen und Brüllen musikalischer Gassenhauer wie "Fürstenfeld" oder "Always look on the bright sight of life" zum Aufwärmen für die Fans vor der ersten Partie bei. Und reichlich Bier, das auf den Biertischen vor dem Podium mit der Dartscheibe an der Stirnseite steht. Dazu gehört die Inszenierung, die Gegner in den acht Auseinandersetzungen ziehen jeweils zu ihren persönlichen Hymnen und
mit Abklatschen ein. Drei Video-Wände sorgen dafür, dass auch die Zuschauer im obersten Rang am entferntesten Platz Mimik und Wurftechnik der Darts-Profis und das jeweilige Score genau mitverfolgen können.

Mit selbstgebastelten Taferln ausgestattet

Einige im Publikum sind nur mit Taferln mit der Zahl 180 ausgerüstet, das beste Ergebnis, das mit einem Wurfserie mit drei Darts erreicht werden kann und jedes Mal einen Begeisterungssturm in der Halle auslöst. Eine Fünfer-Gruppe aus Freistadt in Oberösterreich schwärmt: "Die Stimmung ist einzigartig. Das muss man gesehen haben." Zwei junge Männer aus dem Bezirk St. Pölten-Land "beten" in Mönchskutten für Darts. Sie verfolgen den Sport sonst bei Übertragungen aus England. "Wenn Österreich einmal das World Series Finale hat, muss man dabei sein", verrät einer der beiden Kuttenträger.

Es sind auch keineswegs alle wegen "Hausherr" Suljovic angereist.  "Greetings from Otterthal", steht auf einem selbstfabrizierten Schild auf einem der Tische im Parterre. Eine Familie aus dem Bezirk Neunkirchen in Niederösterreich sitzt dort mit ihren drei Söhnen. Einer davon ist erklärter Fan des zweifachen Ex-Weltmeisters Gary Andersen aus Schottland. Der Vater spielt Dart, aber "nur im Keller daheim", wie er verrät. 40 Personen sind mit dem Bus aus dem Waldviertel nach Schwechat aufgebrochen. Bei diesen steht mit dem Holländer Michael van Gerwen der derzeit wohl beste Spieler hoch im Kurs.

Hobby-Dartspieler wollen "einmal die Stars live sehen"

Vier Männer und eine Frau aus dem steirischen Gleisdorf wiederum sind unschwer als Fans von Suljovic zu erkennen. Dafür sorgen allein ihre roten Leibchen mit dem Aufdruck "Mensur - 180" auf dem Rücken. Auch das Quintett spielt daheim "rein hobbymäßig" Darts. Die blonde Steirerin mit den vier älteren Herren will hier in Schwechat "einmal die Stars live sehen".

Die Spieler selbst zeigen sich, während sie ihre Pfeile abwerfen, bemerkenswert unbeeindruckt von dem Rummel, den Anfeuerungsrufen, dem Klatschen auf den Plätzen und dem steten Kommen und Gehen in der Halle zum Bierausschank und zum Buffet. "Steht auf"-Sprechchöre und Anfeuerungen für Suljovic branden immer wieder auf, wenn es in den ersten Partien des Abends gerade weniger spannend zugeht. Die erfolgreichsten Profis der Dart-Szene wie Veteran Raymond van Barneveld haben auch hier ihre Unterstützer. Er verzückt die Zuseher gegen Ende seines Partie mit einem 180-er-Wurf.

Es wird auf elf "legs" gespielt, wer sechs für sich entscheiden kann, hat also gewonnen. Das Publikum leidet dann mit Ex-Weltmeister Andersen mit, als dieser in einer spannenden Auseinandersetzung nach 5:5-Gleichstand hauchdünn mit 5 zu 6 verliert. Der Exzentriker Peter Wright hat hörbar viele Anhänger. Der Mann mit dem grünen Irokesen-Schnitt hat aber einen rabenschwarzen Tag erwischt und geht mit 1:6 völlig unter.

Knapp vor Mitternacht ist der Lokalmatador an der Reihe

In den nächsten beiden Partien - es ist inzwischen nach 23 Uhr - wird es in der Halle hörbar ruhiger. Anfeuerungen und das Bier fordern ihren Tribut. Sprechchöre für Suljovic sind das Zeichen, dass dessen Auftritt herbeigesehnt wird. Zehn Minuten vor Mitternacht ist es soweit. Für seinen Gegner, den Engländer James Wade, eben Europameister geworden, gibt es ein Pfeifkonzert. Alles andere als die feine englische Art. Suljovic zieht zu Tina Tuners "Simple the best" auf die Bühne ein, die Halle brüllt den Refrain mit. Schnell hat der Wiener das erste Leg im Sack. "Mensur", "Mensur"-Sprechchöre sind die Antwort. Wade bleibt ruhig, wirft souverän und zieht auf 1 zu 3 davon, weil der Lokalmatador, dem man die Anspannung vor eigenem Publikum anmerkt, bei 1:1 die Chance auf die Führung auslässt.

In der Halle keimt Hoffnung auf, als Suljovic auf 2:3 verkürzt. Wie auf dem Fußball-Platz wird er jetzt aus Hunderten Kehlen aufgemuntert und angefeuert. "Auf geht's Mensur, kämpfen und siegen", dröhnt es durch die Halle. Gegner Wade antwortet allerdings prompt und cool mit 2 zu 4. Der Engländer lässt dann freilich die Gelegenheit aus, weiter davonzuziehen, weil er die Doppel-20 nicht trifft. Suljovic kommt auf 3 zu 4 heran, gleich darauf löst ein 180er-Wurf Begeisterungstürme aus. Diese ist aber rasch wieder verflogen. In den nächsten Legs bis zum 3:6-Endstand scheint der Wiener wie auch das Publikum in der Halle gleichermaßen zu spüren, dass an diesem Novemberabend in Schwechat für ihn gegen Europameister nichts zu holen ist. Um 0.15 Uhr streckt Wade nach einer knappen halben Stunde die Faust in die Höhe. Suljovic gratuliert anerkennend und winkt zum Abschied ins Publikum. Während Champion van Gerwen in der letzten der acht Partien mit seinem Gegner mit 6:0 kurzen Prozess macht, beginnen sich die Bänke und Plätze im Multiversum zu leeren. Beim Hinausgehen hadert der eine oder andere über das Pech bei der Auslosung für den Lokalmatador. Die Stimmung bringt aber eine Frau beim Hinausgehen mehr auf den Punkt: "Ein Erlebnis war es trotzdem."