• vom 09.11.2018, 08:30 Uhr

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Der Anti-Fischer angelt nach der Krone




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Von Tamara Arthofer

  • Der US-Amerikaner Fabiano Caruana fordert Magnus Carlsen um den Schach-WM-Titel heraus. Das weckt Erinnerungen an den legendären Bobby Fischer.

Fabiano Caruana will ins Rampenlicht treten. Foto: Apaweb/ afp / Joel Saget - © AFP

Fabiano Caruana will ins Rampenlicht treten. Foto: Apaweb/ afp / Joel Saget © AFP

Noch gilt Magnus Carlsen als bester Spieler der Gegenwart. Foto: Apaweb / afp / Eduardo Munoz Alvarez

Noch gilt Magnus Carlsen als bester Spieler der Gegenwart. Foto: Apaweb / afp / Eduardo Munoz Alvarez© Apaweb / AFP Noch gilt Magnus Carlsen als bester Spieler der Gegenwart. Foto: Apaweb / afp / Eduardo Munoz Alvarez© Apaweb / AFP

London. Natürlich kommt man an ihm nicht vorbei dieser Tage, auch wenn sein Name nicht nur positiv behaftet ist. Doch Bobby Fischer war immerhin der erste und bisher letzte Schach-Weltmeister aus den USA, er war der bisher letzte, der überhaupt um den Titel spielen durfte. Und, mehr als alles andere: Er errang diesen 1972, als das Duell um die Krone im königlichen Spiel inmitten des Kalten Krieges gegen Boris Spasski zum Stellvertreterkampf auf 64 Feldern stilisiert und zu einer Nervenschlacht wurde, an der auch Nicht-Schach-Interessierte unmöglich vorbei kamen. Dabei war Fischer nie der All-American-Hero, ganz im Gegenteil: Schon zu seiner Glanzzeit, in der er dem Sport zu nie dagewesener Popularität und neuen Sponsoren verhalf, galt er als Exzentriker, später verzettelte er sich in kruden Verschwörungstheorien, leugnete den Holocaust, hieß öffentlich die Terroranschläge des 11. September 2001 gut, brach mit seiner Heimat und starb 2008 vereinsamt in Island, an der Stätte seines größten Triumphes.

Doch das ist Vergangenheit, die Gegenwart im nach einem kurzen Hype darbenden US-Schachsport heißt Fabiano Caruana, ist 26 Jahre alt und ab heute, Freitag, in London der Herausforderer des aktuellen Titelträgers Magnus Carlsen aus Norwegen. Dass er der erste US-amerikanische Weltmeister seit eben jenem Fischer werden könnte, hört Caruana dieser Tage oft - und er hört es mit gemischten Gefühlen. Fischers Willenskraft sei "phänomenal" und stets eine Inspiration für ihn gewesen, sagt Caruana, insofern sei es großartig, im selben Atemzug genannt zu werden. Andererseits: "Einiges seiner persönlichen Angelegenheiten war nicht so toll. Bezüglich unserem Spielstil und unserer Persönlichkeit sind wir sehr unterschiedlich."

Bobby Fischer war der bisher letzte US-Amerikaner, der um den WM-Titel spielte. Später brach er aber mit seiner Heimat, 2008 verstarb er. Foto: Apaweb / afp / Nogi Kazuhiro.

Bobby Fischer war der bisher letzte US-Amerikaner, der um den WM-Titel spielte. Später brach er aber mit seiner Heimat, 2008 verstarb er. Foto: Apaweb / afp / Nogi Kazuhiro.© Apaweb / AFP Bobby Fischer war der bisher letzte US-Amerikaner, der um den WM-Titel spielte. Später brach er aber mit seiner Heimat, 2008 verstarb er. Foto: Apaweb / afp / Nogi Kazuhiro.© Apaweb / AFP

Caruana wirkt schmächtig, nachdenklich und besonnen, auch große Töne hört man ihn selten spucken, was ihn nicht nur von Fischer, sondern auch von seinem nunmehrigen Konkurrenten Carlsen unterscheidet. Der um ein Jahr ältere Norweger, der einst als Wunderkind gepriesen wurde, seit mehr als sieben Jahren die Weltrangliste anführt und seit fünf Jahren durchgehend Weltmeister ist, behauptet von sich, wichtiger, als den Titel selbst zu haben, sei ihm nur, dass ihn niemand anderer haben könne.


In Norwegen ist Carlsen längst in die Riege der Sport-Popstars aufgestiegen, während Caruana selbst in seiner Heimat außerhalb der überschaubaren Schachszene nicht unbedingt zu den bekanntesten Gesichtern der Sportwelt zählt. Das mag freilich daran liegen, dass er lange Zeit seines Lebens gar nicht dort verbracht hat. Nachdem er in Brooklyn aufgewachsen war, im Alter von fünf Jahren mit dem Spiel begonnen hatte - ursprünglich um seine Konzentrationsschwächen zu beseitigen - und in der Jugend sein Talent gezeigt hatte, wanderte die Familie zunächst nach Spanien aus, wo er bessere Trainingsmöglichkeiten vorfand. Von 2005 bis 2015 trat der Sohn einer Sizilianerin, der neben der US-amerikanischen auch die italienische Staatsbürgerschaft besitzt, international unter der Flagge der Azzurri an; erst danach erfolgte die Rückkehr in die USA. Im Herzen fühle er sich als New Yorker, meint er dieser Tage. "Es ist eine einzigartige Stadt, ein vielfältiger und vibrierender Ort, kulturell und in Bezug auf die Energie der Stadt", sagt der Weltranglistenzweite, wenngleich er es selbst gerne ruhig mag. Mit der Ruhe freilich ist es spätestens jetzt vorbei, wenn die bis 28. November und über zwölf Partien angesetzte WM in London beginnt. Dann will Caruana endgültig aus dem Schatten treten - aus jenem von Carlsen und vielleicht noch mehr aus jenem von Bobby Fischer.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-08 15:31:14
Letzte Änderung am 2018-11-08 16:46:13


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