Wisla. (art/apa) Hört man Österreichs Skispringern zu, fällt sofort eines auf - und das Wort "Gefühl" relativ oft. "Mein Gefühl sagt mir, dass wir nicht so schlecht drauf sind", meint Cheftrainer Andreas Felder. "Ich habe das Gefühl, dass eine richtige Philosophie dahinter ist", sagt der ehemalige Gesamtweltcupsieger Stefan Kraft. Entscheidend sei bei einer Saison wie dieser, bei der auch eine Heim-WM zu absolvieren ist (ab 19. Februar), dass man - richtig - das Gefühl für den richtigen Sprung finde und konserviere, betont wiederum Gregor Schlierenzauer.

Das mit dem Gefühl war eines der Dinge, die im vergangenen Winter nicht so funktioniert haben wie erhofft, was wiederum zu einem Wechsel der sportlichen Leitung geführt hat. Kein Sieg im Weltcup, Platz sechs in der Gesamtabrechnung der Vierschanzentournee, keine Olympia-Medaille - das war zu wenig für den ÖSV. Mario Stecher löste Ernst Vettori als Sportchef ab, Felder Heinz Kuttin. Als Assistenten fungieren nunmehr Florian Schabereiter und Florian Liegl.

Doch weil Gefühl alleine halt nicht alles ist, hat die neue Führung auch gleich ein Sprung-Leitbild erstellt, woran es sich zu orienieren gilt - ohne freilich "das Rad’l neu zu erfinden", wie Schlierenzauer betont. Auch Kraft sagt, er habe seinen Stil nicht geändert, aber daran gearbeitet, "weniger risikoreich und konstanter" zu springen. Etwas zu viel Risiko, das Gefühl, etwas erzwingen zu wollen, und daraus resultierende Fehler haben den Salzburger etwa bei den Olympischen Spielen die Chance auf eine Medaille von der Normalschanze gekostet, als er nach Rang sechs im ersten Durchgang im zweiten auf Vollangriff - und der Versuch daneben - ging. Die Selbstzweifel, die sich bei dem Doppelweltmeister ebenso wie bei Schlierenzauer und ihren Kollegen eingeschlichen haben, sind mittlerweile zwar verschwunden, die Wahrheit liegt aber freilich auf den Schanzen. Schon der Weltcupauftakt am Wochenende in Wisla mit dem Teamspringen am Samstag sowie dem ersten Einzel am Sonntag werden einerseits darüber Aufschluss geben, ob das vielzitierte Gefühl die Athleten auch nicht getäuscht hat, und andererseits, inwiefern sich die ob des Reglements notwendigen Adaptierungen auswirken. Ab sofort findet die Abwaage nämlich ohne Sprungstiefel statt - ein kleines Detail mit möglicherweise gravierenden Folgen. Für die Springer bedeutet dies nämlich, dass sie entweder Gewicht zulegen oder mit kürzeren Skiern antreten müssen. Um das Gefühl nicht zu verlieren, entschied sich Kraft für einen Mittelweg: 0,5 Kilogramm mehr auf den Rippen, dafür ein Zentimeter weniger auf den Skiern, so soll die Erfolgsformel lauten. "Damit bin ich gut dabei", glaubt Kraft.

Der Druck lastet auf Stoch


Wie weit vorne er ergebnistechnisch sein will, formuliert der 25-Jährige vage. "Ich hoffe, dass ich gleich konstant in die Top Ten springen kann", sagt er - lässt aber keinen Zweifel daran, dass es doch ein bisschen mehr sein darf. "Natürlich möchte ich auch heuer wieder ganz oben stehen, aber jetzt ist erst einmal gut reinstarten wichtig."

Schlierenzauer, der seine Talsohle nach Verletzungspech und Motivationsschwierigkeiten überwunden glaubt, will erst gar nicht über Platzierungen sprechen; wichtiger ist dem Tiroler, wieder die Freude gefunden und erstmals seit drei Jahren eine ungestörte Vorbereitung absolviert zu haben. Seit Dezember 2014 hat der einstige Überflieger keinen Stockerlplatz im Weltcup verbucht, zwischenzeitlichen Fortschritten folgte immer wieder ein unerklärlicher Absturz. "Dass ich ziemlich ausgebrannt war die vergangenen Jahre, weiß man. Aber solche Phasen im Leben eines Spitzensportlers gehören dazu", sagt er rückblickend. Jetzt sehe er sich "auf einem sehr guten Weg", berichtet der 28-Jährige. "Jetzt habe ich wieder Vorfreude und die richtige Motivation, Gas zu geben", betont Schlierenzauer.

Der Druck lastet jedenfalls zumindest im Weltcup heuer nicht so sehr auf den Österreichern, sondern mehr auf dem polnischen Gesamtweltcupsieger Kamil Stoch, der gleich zum Auftakt der Weiten- und Punktejagd ein Heimspiel hat, sowie den in der Vorsaison so starken Deutschen und Norwegern. Für Schlierenzauer und Co. gilt es vorerst, sich heranzutasten. "Mein Ziel ist einmal die Konstanz", sagt Schlierenzauer. "Damit kommt die Sicherheit, das Vertrauen" - und im Optimalfall das Gefühl für den richtigen Sprung.