London/Wien. (art) Magnus Carlsen gegen Fabiano Caruana - es waren viele Geschichten geschrieben worden, seit die beiden am 9. November in London die diesjährige Schach-WM eröffnet hatten. Hier Carlsen, das einstige Wunderkind, der Popstar des Schachsports, dort sein italo-amerikanischer Herausforderer, der sich als erster Spieler mit US-Pass seit dem ebenso legendären wie umstrittenen Bobby Fischer 1972 anschickte, sich die Krone aufzusetzen und der in den USA lange darbenden Szene zu neuem Glanz zu verhelfen.

Dem nicht genug, waren bis zu diesem Mittwoch alle zwölf Partien remis ausgegangen, es musste also ein Tiebreak entscheiden. Dieses fiel dann auch eindeutig aus: Carlsen, der den Titel seit 2013 inne gehabt hatte, verteidigte diesen zwei Tage vor seinem 28. Geburtstag, indem er seine Qualitäten im Schnellschach ausspielte und Caruana mit 3:0 Punkten letztlich keine Chance ließ. Seine Entscheidung davor, im zwölften regulären Spiel nicht auf den Sieg loszugehen, erwies sich im Nachhinein gesehen als goldrichtig.

Dabei hatten ihn viele Experten genau dafür kritisiert. Die lange und nervenzehrende Remis-Serie hatte die Diskussionen über den Modus der WM befeuert.

Vergessen wurde dabei freilich oft, dass dieses Duell in London an Länge nicht annähernd an jenes herangekommen war, das im Herbst 1984 begann - und erst ein geschlagenes Jahr später enden sollte. Es war das WM-Duell zwischen Anatolij Karpow und Garry Kasparow - eine Geschichte, die sogar noch früher begann und deren letztes Kapitel erst viel später geschrieben wurde. Und es ist eine Geschichte, die vor allem viel über die Vergangenheit des Sports und seine Verflechtungen aussagt.

Karpow hatte den Titel 1975 zugesprochen bekommen, weil Fischer - drei Jahre zuvor und auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges Sieger im zum "Kampf der Systeme" stilisierten Duell mit Boris Spasski - sich geweigert hatte, zur Titelverteidigung anzutreten. Karpow dagegen wurde in der Sowjetunion hofiert und in den Status des Volkshelden erhoben. Mit zwei erfolgreichen Titelverteidigungen schien er diesen einzementiert zu haben, ehe ihm in Kasparow ein ebenso junger wie aufmüpfiger Konkurrent als Herausforderer erwachsen war.

Theorien, wie dieses Duell hätte verhindert werden sollen, gibt es zuhauf; genützt hat es nichts. Kasparow konnte schließlich antreten, geriet zwar in Rückstand, brachte den um zwölf Jahre älteren Karpow aber mit Fortdauer des Duells und einer von ungestümer Offensive auf Zermürbungstaktik geänderten Spielweise an den Rand der Erschöpfung. Das damalige Reglement sah vor, dass derjenige als Sieger daraus hervorgehen würde, der als Erster sechs Partien gewinnt. Tiebreak war - anders als heute - keines vorgesehen.