Melbourne. (art) Es war eine Frage, der für gewöhnlich eine automatisierte Antwort folgt. Doch für Andy Murray war sie so schwer zu beantworten, dass er zunächst schwieg, das Gesicht unter der Kappe verbarg und kurzfristig den Saal verlassen musste. Als er ihn mit einem kurzen "Sorry" wieder betrat, setzte er an: "Ich fühle mich nicht gut", sagte er und sprach über seine Hüftschmerzen, die ihn schon rund 20 Monate begleiten, über eine Operation, die nicht die erwünschte Wirkung gebracht hätte und seine Entscheidung, seine Karriere dieses Jahr - spätestens nach Wimbledon, möglicherweise auch schon nach den am Montag beginnenden Australian Open - zu beenden.

"Ich habe lange gekämpft und so ziemlich alles getan, was möglich war, aber die Schmerzen sind einfach zu groß", sagte Murray, der nur mühsam seine Tränen zurückhalten konnte. Vor zweieinhalb Jahren war der Schotte, der 2012 als erster Brite nach 76 Jahren wieder ein Grand-Slam-Turnier gewonnen hatte und im Jahr darauf sowie 2016 Triumphe in Wimbledon folgen ließ sowie zweimal Olympia-Gold gewonnen hatte, ganz oben an der Spitze der Weltrangliste - dann folgten immer mehr Probleme, nun zwangen sie ihn zu diesem Schritt, der im Internet und in der Sportwelt großes Bedauern auslöste. Zum einen, weil der Schotte als fairer Sportsmann gilt, der sich auch abseits des Platzes immer wieder beispielsweise mit Unterstützung des Frauentennis und des Feminismus zu Wort meldet; zum anderen, weil ein nicht selbst gewählter Rücktritt als eines der Schreckgespenster im Sport generell gilt. "Es ist hart, die Murray-Pressekonferenz zu sehen", schrieb etwa der selbst leidgeprüfte US-Skistar Lindsey Vonn auf Twitter. "So viele Athleten sind dazu gezwungen, ihre Karrieren wegen Verletzungen und Schmerzen zu beenden."

Während im Skisport schon so manche Laufbahn aufgrund eines Sturzes im Krankenbett endete, sind im Tennis freilich nicht die Akutverletzungen, die verhältnismäßig selten auftreten, das große Problem, sondern wie bei Murray die Abnützungserscheinungen, besonders bei Spielern, die wie der 31-Jährige auf kräfteraubenden Lauf- und Konterstil setzen. Betroffen sind aber viele und nahezu alle Körperregionen: Jürgen Melzer rang nach seiner Schulterverletzung lange erfolglos um sein Comeback, ehe er im Herbst im Einzel aufhörte, Rafael Nadal muss immer wieder wegen Knieblessuren Pausen einlegen. Juan Martín Del Potro wiederum, der nach einer langen Leidenszeit, geprägt von Handgelenksproblemen, im Vorjahr bei den US Open erstmals nach neun Jahren wieder ein Grand-Slam-Finale erreichte, verpasst nun ebenfalls wegen Knieproblemen die Australian Open.

Für Murray indessen könnten diese nun zum letzten Turnier werden. "Diese Möglichkeit besteht, sicherlich", sagte er bei seiner Pressekonferenz. Am liebsten freilich würde er seinen Abschied würdig in Wimbledon begehen, betonte er - "aber ich weiß nicht, ob ich das schaffe." Damit steht der Schotte jedenfalls als einer der sentimentalen Favoriten für Melbourne fest. Dass er tatsächlich mit den Stars wie Roger Federer, den im Vorjahr nach einer langwierigen Ellenbogenverletzung wiedererstarkten Novak Djoković, Stehaufmann Nadal und dem weitaus jüngeren Sascha Zverev um den Titel mitkämpfen kann, ist allerdings angesichts seiner Probleme höchst unwahrscheinlich. Schon in der ersten Runde wartet mit dem Doha-Sieger Roberto Bautista Agut eine schwierige Aufgabe auf ihn. Doch für den ehemaligen Weltranglistenführenden, der in seiner Karriere 61 Millionen Euro verdient hat, geht es ohnehin längst nicht mehr nur um Siege, Punkte und Preisgeld. "Ihr seht mich auf dem Platz herumlaufen, und ich weiß, es sieht nicht gut aus. Aber es sind auch die kleinen Dinge des Alltags: Schuhe anziehen, Socken anziehen", sagte er. Wenn alles vorbei ist, will er sich möglicherweise einer weiteren, aufwendigeren Operation unterziehen. "Es geht um Lebensqualität."