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Melbourne. (art) Als Lucas Pouille im Herbst 2017 in Wien seinen bis dahin größten Siegerscheck entgegennehmen durfte, freute er sich bei der Pressekonferenz erst einmal auf ein gutes Essen. Dann wollte er doch mehr: "Mindestens ein Grand-Slam-Turnier" wolle er in seiner Karriere gewinnen, sagte er. Das mit dem Essen dürfte kein großes Problem gewesen sein. Doch die Sache mit dem Grand-Slam-Sieg erwies sich im Folgejahr - nach einer Saison, in der er mit Turniersiegen auf allen Belägen seinen Durchbruch geschafft hatte - als knifflig: Erst-rundenaus bei den Australian Open, dritte Runde bei den French Open und bei den US Open, gar nur zweite in Wimbledon, wo er sich dem Österreicher Dennis Novak beugen musste. Das war die magere Ausbeute jenes Mannes, der im März 2018 noch die Top Ten der Weltrangliste geknackt hatte, später aber an den eigenen Ansprüchen zu scheitern drohte.

"Brauchte Vertrauen"

"Ich hatte keinen Spaß mehr. Ich wollte nicht mehr wirklich Tennis spielen", gesteht Pouille heute. Doch er spielte bis zum Schluss - und verlor im Daviscup-Finale den entscheidenden Punkt, nachdem er Frankreich im Vorjahr noch zum Titel verholfen hatte. Doch ausgerechnet der Tag nach der Niederlage gegen Kroatien brachte die Wende. Pouille suchte das Gespräch mit Amélie Mauresmo, der designierten Kapitänin des französischen Teams. Man fand schnell einen Draht zueinander und vereinbarte eine Zusammenarbeit, für die Mauresmo, ohnehin eine Gegnerin des ab heuer gültigen Daviscup-Formats, ihre Zusage für die Nachfolge Yannick Noahs zurückzog. "Das war genau das, was ich gebraucht habe - jemanden, der Vertrauen in mich hat und daran glaubt, dass wir gemeinsam sehr viel erreichen können", sagt Pouille in Melbourne. Hier verweilt er nun nicht nur schon wesentlich länger als bei seinen bisherigen fünf Australian-Open-Auftritten, als er sich im Einzel jeweils schon nach der ersten Runde verabschieden musste, sondern länger als bei jedem seiner anderen Major-Auftritte überhaupt. Am Mittwoch fixierte er mit einem 7:6, 6:3, 6:7, 6:4 über Milos Raonic seine erste Halbfinal-Teilnahme. Der Sieg war nicht nur deshalb überraschend, weil Raonic sich nach zahlreichen Verletzungen wieder seiner Bestform angenähert hat und mit dem Aufschlag über eine Waffe verfügt, die ihm gerade auf Hartplatz Vorteile einräumt, sondern auch, weil Pouille gegen den Kanadier in vier bisherigen Begegnungen keinen einzigen Satz gewinnen konnte.

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Doch mit seiner variableren Spielweise und nicht zuletzt dem wiedergefundenen Glauben an sich selbst schaffte er den ersten Grand-Slam-Halbfinaleinzug eines Franzosen seit Jo-Wilfried Tsonga 2010. "Auch als ich den dritten Satz verloren habe, war mir klar, dass ich mich weiter auf mein Service konzentrieren musste", sagte Pouille im Siegerinterview. Und in diesem ging es dann auch wieder um Mauresmo. "Ich denke, dass jetzt eine Menge männlicher Spieler eine Frau als Trainerin anheuern könnten", witzelte Interviewer John McEnroe. Pouille sagte nur: "Sie sollten es tun, sie sollten es tun. Es ist egal, ob Mann oder Frau. Wichtig ist, dass jemand weiß, was er tut. Und das tut sie. Sie weiß alles über Tennis."

Im Halbfinale steht Pouille allerdings vor einer der größtmöglichen Herausforderungen dieses Sports, Gegner am Freitag ist der sechsfache Sieger Novak Djoković, der gegen Kei Nishikori beim 6:1, 4:1-w.o.-Sieg noch dazu Kräfte schonen konnte. Doch egal, wie das Match ausgeht: Ein gutes Essen wird sich mit dem schon jetzt verdienten Preisgeld von 920.000 australischen Dollar (rund 578.000 Euro) leicht ausgehen.