Wien. 17. Februar 1959: Die nagelneue Stadthalle in Wien ist mit 4500 Zuschauern bis auf den letzten Platz besetzt. Plötzlich brandet frenetischer Jubel auf, Josef Steffelbauer hat eben das Tor zum 12:9 erzielt und wird von seinen Kollegen im Freudentaumel geradezu erdrückt. Der schwedische Torhüter Lennart Ring kann den kuriosen Treffer gar nicht fassen. "Steffelbauer donnerte einen Ball an die Querlatte. Der schwedische Tormann verlor den nach oben abprallenden Ball aus den Augen. Und sah ihn erst wieder, nachdem er von seinem Genick ins eigene Tor gefallen war", wird der Nationalspieler und vierfache Torschütze an dem denkwürdigen Abend, Herbert Reimitz, noch Jahre später oft erzählen. Wenige Minuten später ist der Länderkampf vorbei - und die Sensation perfekt: Österreich hat das Unmögliche geschafft und den amtierenden Hallenhandball-Weltmeister Schweden 16:14 geschlagen.

Titel oder eine Medaille gibt es, da es sich bei dieser Begegnung nur um ein Testspiel handelt, für die Österreicher nicht, aber das ist in dem Moment nachrangig. In den Zeitungen ist gar vom "besten Match der Handballneuzeit" die Rede, die Stimmung lässt sich durchaus mit der Ausnahmesituation vergleichen, die Córdoba 1978 im heimischen Fußball ausgelöst hat. "Wir hätten es nicht einmal gewagt, von einem Sieg zu träumen. Vor allem, weil unsere Mannschaft mehr zufällig zusammengemixt als zusammengespielt war", sagt Reimitz 1993 in einem Interview. 2009 ist der Teamverteidiger, der im Brotberuf als Manager beim Elektrokonzern Philips beschäftigt war, 74-jährig verstorben. Die Erinnerung an den Sensationssieg vor 60 Jahren halten die Kollegen von einst weiterhin hoch, darunter der Angreifer Klaus Piffl.

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Langsam blättert der heute 80-Jährige durch die Unterlagen, die er zum Gespräch mit der "Wiener Zeitung" mitgebracht hat. Alte Fotos zeigen ihn mit Steffelbauer und Co. - als Team, im Spiel, beim Empfang, der Ehrung, die Piffl und seinen Kollegen anlässlich ihres Schwedensieges zuteil wurde. "Wir haben damals ein fantastisches Spiel geliefert und konnten es nicht glauben", sagt er mit langsamer Stimme. Dass er selbst in der kurzen Spielzeit, die ihm beschieden war, kein Tor erzielen konnte und nur zwei Mal die Latte traf, wurmt ihn nicht. Dafür habe es das Schicksal, das ihn immerhin als 19-Jährigen zum Nationalteam gebracht hat, mit ihm eh schon sehr gut gemeint. Die Erfahrungen und Erlebnisse will Piffl jedenfalls nicht missen, die Teilnahme an der WM 1958 in der DDR etwa, wo man zwar bereits in der Vorrunde ausschied, dafür aber die großen internationalen Teams sowie auch ein wenig die weite Welt kennenlernen durfte. "Es ist uns da nicht schlecht gegangen", sagt Piffl und erzählt in diesem Zusammenhang gern die Anekdote, wie das Team ihre eigentlich als "Wegzehrung" mitgebrachten Orangen unvermittelt mit den ostdeutschen Kindern teilen musste. "Die wussten gar nicht, was Orangen sind."