Im Anblick der Athleten ergötzt, befriedigt und erschreckt sich die Masse. Sport wird jedoch auch Weltanschauung; man wehrt sich gegen Verkrampfung und die tägliche Arbeitsroutine, der man unweigerlich ausgesetzt ist. Der Mensch schafft sich durch Sport gewissermaßen sein Recht in einer Zeit des leeren Lebensgefühles. Wer daran zweifelt, der war in der vergangenen Woche nicht bei der Beachvolleyball-WM in Klagenfurt. Spätestens, wenn man Zeuge der von 10.000 Zuschauern am prall gefüllten Center Court zum Donauwalzer von Johann Strauss zelebrierten Zeitlupenwelle war, weiß man, was Lebensfreude ist. "That's the way, Aha, Aha, I like it! Aha, Aha", intonierte der Platzsprecher nach jedem schön gespielten Punkt der Sandprofis. Die Zuschauer ließen nicht lange auf sich warten. Mit viel Rhythmusgefühl für Musik ausgestattet, sangen die Massen auf den Tribünen.

Die VIP-Tribüne musste extra motiviert werden. "Ihr befindet euch nicht im Theater", so der "Animateur" im Stadion. Klar, die Schönen und Reichen sind schon außergewöhnlich an sich, benötigen keinen Heroismus, sind nämlich selbst Heroen; auch genug Lebensgefühl besitzen sie. Die "Halbnackten" und "Ausgeflippten" sucht man unter den VIPs vergeblich. Udo Jürgens verschwand am Tag des Herren schon nach dem ersten Satz des Finalspieles der Herren. Die berühmte rote Kappe vom Lauda Niki war im zweiten Satz ebenso unterwegs in Richtung VIP-Klub. Einzig der Erfinder des "World Sports Awards", Hupo Neuper, fand Freude am Treiben der Sportler. Oder am Treiben der Zuschauer? Sind das alles Sportfanatiker, gar Freunde des Beachvolleyballs, die im Stadion feiern? Es scheint, als würde sich die Masse an sich selbst ergötzen, nicht an den großartigen Leistungen der Athleten.

Es scheint, als würde es egal sein, wer gewinnt. Hauptsache die Welle wandert über die Tribünen des Stadions. Einzig bei den Spielen von Nik Berger und Oliver Stamm wurde Partei ergriffen. Das störte so manchen Journalisten aus dem Ausland. Die NZZ schrieb: "Einzig der unverhohlen zur Schau gestellte Nationalismus der Gastgeber trübte den positiven Gesamteindruck ein wenig." Wäre die WM in der Schweiz gewesen, Laciga-Laciga wären mit Sicherheit ebenso frenetisch angefeuert worden. Es ist eine Anmaßung, den Österreichern in dieser Hinsicht Chauvinismus zu unterstellen. Der Gesamteindruck überwiegt, auch wenn der Sport zur Nebensache wurde.

Die Stimmung, die Atmosphäre war das Wichtigste. Von der war der Präsident des Volleyball-Weltverbandes (FIVB), Dr. Ruben Acosta, sehr angetan. Bei einer Pressekonferenz richtete er folgende Worte an die Anwesenden: "Die nächste WM findet 2003 in Rio statt. Die Veranstalter müssen sich jetzt schon überlegen, wie sie das Niveau von Klagenfurt halten können. Das wird nicht leicht." Die Stimmung sei nur mit den olympischen Spielen in Sydney zu vergleichen; und das hieße etwas. Apropos Olympia: Die FIVB plant das Beach Volleyball-Turnier bei Olympia 2008 am Pekinger Platz des Himmlischen Friedens auszutragen. Man sei sich der schrecklichen Vorfälle, die dort während der Studentenrevolte passiert sind, durchaus bewusst. "Wir wollen ein Zeichen setzen", so der Verbandspräsident. Ein geschickter Schachzug, weil die Promotion für das Turnier ohne Anstrengung gesichert wäre. Eine Querverbindung zwischen Beachvolleyball und dem politischen China wird zweifelsohne hergestellt werden. Beachvolleyball steht für positives Lebensgefühl, Freiheit, Lockerheit und Party. Das sind nicht unbedingt Attribute, die man mit China verbindet.

Zurück nach Klagenfurt. Insgesamt 90.000 Besucher strömten nach Kärnten. Nicht nur Zuschauer und Spieler trugen zum Gelingen der WM bei. "Das Wetter hat super mitgespielt", zeigte sich Veranstalter Hannes Jagerhofer glücklich, "es wurden tolle Fernsehbilder in die ganze Welt gesendet." Ganz so, wie heuer, wird es nächstes Jahr nicht mehr sein. Jagerhofer: "Das Stadion muss wieder auf 6.000 Sitzplätze verkleinert werden. Sonst würde das den Rahmen sprengen." Ab dem nächsten Jahr ist Klagenfurt eines von vier Grand Slam Turnieren. In Klagenfurt, Marseille, Rio und wahrscheinlich Berlin werden Damen und Herren, vergleichbar mit Tennis, um erhöhtes Preisgeld im Sand spielen. Die Spieler unisono: "Klagenfurt ist das beste Turnier. Ich freue mich schon auf das nächste Jahr." Jagerhofer will das Konzept des "free entrance" beibehalten. Das Stadion soll nämlich immer prall gefüllt sein. Es tue ihm, Jagerhofer, nur leid, dass heuer für viele Tausende der Center Court wegen Überlastung versperrt geblieben war. Wer nicht früh genug am Gelände war, hatte keine Chance mehr, an der Atmosphäre teil zu haben. Machte die Veranstaltung heuer Gewinn? "Auf jeden Fall, aber genaue Zahlen weiß ich erst nach der Abrechnung", bilanziert Mister Beachvolleyball, der von ÖVV-Präsident Kleinmann, gäbe es eine, in die "Hall of Fame" aufgenommen werden würde, positiv. Es war nicht nur ein wirtschaftlicher Erfolg, sondern auch ein Gewinn für alle Beteiligten. Ein Gewinn an Lebensfreude.