• vom 02.04.2002, 00:00 Uhr

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Update: 07.04.2005, 12:44 Uhr

Iaido: Durch japanischen Schwertkampf zu Harmonie und friedlichem Miteinander

Österreichs Samurai als Pionier einer künftigen Entwicklung




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Von Tamara Slavik

  • Sonntag, 9 Uhr: Während andere noch im Bett liegen oder bestenfalls gerade das Frühstück genießen, schwitzen schon einige Verwegene in einem Turnsaal einer Wiener Schule, lernen, wie man das Schwert zieht, schneidet, Blut abspritzt und es wieder wegsteckt. Rein fiktiv, versteht sich. Denn vielmehr als um blutigen Kampf geht es bei Iaido um das Freisetzen positiver Energie und das Bewusstmachen von Werten und Grundsätzen durchaus friedlicher Natur.

"Entscheidend ist nicht die Technik", doziert Erwin Steinhauser, Iaido-Lehrer und Österreichs einziger "echter" Samurai bei einem Besuch der "Wiener Zeitung", "sondern der Geisteszustand, in dem man sich während des Trainings befindet", das Erschließen bislang verborgener "faszienierender Bewusstseinsebenen durch das disziplinierte Üben traditioneller Methoden". Das Schwert ist dabei nicht mehr als schmückendes Beiwerk, Motivation für Schüler und interessante Begleiterscheinung. Was für Außenstehende möglicherweise abgehoben klingt, ist es für Steinhauser und seine Schüler keineswegs. Viele Dinge könne man so lernen und in den Alltag übertragen. Etwa "das Gesammelt sein, auf das, was man tut, auf das Wesentliche", meint Asien-Freak Daniel K., der der japanischen Schwertkunst vor etwa einem Jahr, als Steinhauser begann, auch in Wien eine Schülerschaft um sich zu versammeln, verfallen ist. Oder die "Disziplin, die man sich selbst auferlegt". Denn wo selten kritisiert, schon gar nicht geschimpft oder bestraft wird, es auch kein Messen mit anderen im Sinn von Wettkämpfen gibt, bleibt der eigene Perfektionsdrang die einzige Triebfeder. Und das kann, nebenbei bemerkt, trotz geistigen Hintergrunds bei dem nötigen Ernst auch körperlich anstrengend genug sein. Entscheidend ist eben das Ganzheitliche, die Einheit von Körper, Geist, Seele und Schwert.


Doch nicht nur die Schüler, auch der Meister ortete bei sich selbst durch die Beschäftigung mit diesem Sport einen positiven Persönlichkeitswandel. "Ich war früher ein Tyrann, ein Egoist", übt er sich in Selbstkritik. Doch heute, nach etwa 40 Jahren Budo und zwölf Jahren Iaido, ist das anders: "Ich bin jetzt friedliebender und gehe respektvoller mit meinem Umfeld um", erzählt der 62-Jährige. Warum gerade eine oft als "Kriegskunst" abgewertete Sportart den "Saulus" zum "Paulus" gemacht hat, liegt für ihn auf der Hand: "Es wird im Training so viel Energie frei, es entsteht eine Atmosphäre, in der man beginnt, sich seinen Mitmenschen und dem Universum zu öffnen", sagt er mit einer Selbstverständlichkeit, die jeden Zweifel beiseite wischt. Die Harmonie mit sich selbst und anderen ist nur das logische Resultat.

Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die traditionelle Form, die in der Schwertschule Muso Jikiden Eishin Ryu gelehrt wird. "Es ist die ursprünglichste Schule, die tatsächlich noch aus den alten Elementen besteht", sagt Steinhauser. Und seine Schüler fasziniert, dass "mit alten Schwertern" gearbeitet wird. Die Klingen sind dabei mit bis zu 90 cm länger als bei anderen Stilrichtungen, ein Gerät wiegt etwa 2 kg. Die Schwerter für besondere Anlässe beziehen Steinhauser und seine engsten Schüler - diejenigen, die noch nicht ganz sattelfest im Umgang mit ihren Geräten sind, verwenden wegen der Verletzungsgefahr Holzschwerter - aus Polen. Von Janusz Lukaszcyk, dem wahrscheinlich einzigen Europäer, der es versteht, Klingen nach japanischer Tradition zu schmieden. Kostenpunkt: vergleichsweise günstige 30.000 Schilling bei einem Zeitaufwand von mehreren Monaten. In Japan selbst legt man für ein derartiges Kunstwerk leicht das Zehnfache hin. Doch das Land, in dem Iaido vor vielen Hundert Jahren entstanden ist, kennt der Samurai der Neuzeit - 1997 bestand er als bislang einziger Österreicher die siebenstündige Mokuroku-Prüfung - selbst nur aus der Ferne. Erst kommendes Jahr will er Japan mit einer kleinen Gruppe von Schülern bereisen und sich dort in die letzten Geheimnisse einweihen lassen. "Jetzt ist die Zeit reif", befindet der Wiener.

Wie auch in Österreich die Zeit nun reif sei, Iaido oder andere traditionelle Künste zu erlernen. "Die Menschen sind auf der Suche. Bei allem Fortschritt sind wichtige Werte und das Menschsein selbst fast verloren gegangen", glaubt der pensionierte Modelltischler. Ein Trend, den er im Umgang mit jungen Leuten in seinen Kursen in Wien, Klosterneuburg und Tulln verfolgen könne. Ein weiterer Beweis: Das enorme Interesse an Lehrgängen mit dem Oberhaupt der Muso Jikiden Eishin Ryu, Sekiguchi Komei soke, der ihn bei seinem Besuchs im Vorjahr offiziell mit der Vertreung für Österreich beauftragt hat und diesen Sommer wieder bei einem Kurs anwesend sein wird. Steinhauser: "Er war beeindruckt von der Zahl der Interessenten." Ein Zeichen, dass tatsächlich immer mehr sich für seinen Weg, durch Tradition zu sich selbst zu finden, begeistern. Fazit: "Ich sehe mich als Pionier einer Entwicklung, die in den nächsten Jahren sicher kommen wird!" Durch "Kriegskunst" zu Harmonie und friedlichem Miteinander.



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Dokument erstellt am 2002-04-02 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-07 12:44:00


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