Moskau. (art) Jewgeni Pluschenko galt einmal als die Neuerfindung des Eiskunstlaufs. Er hatte eine Sprungkraft, wie man sie noch selten zuvor gesehen hatte, stand Vierfach-Dreifach-Kombinationen, die noch kein Läufer vorher in sein Programm zu nehmen gewagt hatte. Das war vor fast zehn Jahren, als er seinen Dauerrivalen Alexei Jagudin als Russlands leuchtenden Stern am Eiskunstlaufhimmel nach dessen Rücktritt spielend abgelöst und Sieg um Sieg eingeheimst hatte. Jewgeni Pluschenko, das war die Revolutionierung des Sports hin zum ganz großen Spektakel. Nun muss sich der 28-jährige Russe selbst quasi neu erfinden, will er seinen Olympia-Triumph von 2006 in drei Jahren in Sotschi wiederholen.

Nichts Geringeres ist das Ziel des Mannes mit der enormen Sprungkraft und dem markanten Blondschopf und die Vorgabe des russischen Verbandes. Ende Dezember will Pluschenko bei den nationalen Meisterschaften den ersten Schritt dahin machen, nachdem er seit knapp zwei Jahren, seit der gefühlten Niederlage in Vancouver mit dem zweiten Platz hinter dem US-Amerikaner Evan Lysacek, keinen Wettkampf bestritten hat. Noch sei er nicht in Bestform, sagt sein Langzeittrainer Alexei Mischin über den dreifachen Weltmeister und sechsfachen Europameister, der sich während seiner Auszeit Operationen am Handgelenk und Knie unterzogen hat. Vor allem das Knie bereitet beim Springen, einst die Domäne des Russen, noch Probleme. In anderen Bereichen, bei den Pirouetten und den Übergängen, habe er sich aber stark verbessert.

Das musste er auch, denn diese Elemente fließen weitaus stärker in das seit einigen Jahren geltende Wertungssystem ein als zu Pluschenkos Glanzzeiten. Die Umstellung war etwas, an dem Pluschenko lange Zeit zu kiefeln hatte. Nach seinem zweiten Platz bei den Olympischen Spielen 2010, als ihm Lysacek mit einem zwar nicht so athletischen, dafür aber eleganteren Auftritt Gold weggeschnappt hatte, ließ er kein gutes Haar an seinem Konkurrenten und den Wertungsrichtern. "Wenn ein Olympiasieger keinen Vierfachsprung beherrscht, dann weiß ich nicht. Das ist kein Eiskunstlauf für Männer, das ist Eistanzen", lästerte er mit einer Miene, die eisiger war als sein Betätigungsfeld.

Es schien der Anfang vom Ende einer Ära und einer großen Sportkarriere zu sein. Er ließ sich nicht mehr auf Wettkämpfen, dafür aber bei Gala- und Showauftritten blicken - was ihm den Unmut des Weltverbandes einbrachte, der ihn wegen eines Verstoßes gegen die Amateurregeln sperrte.

Der Höhepunkt zum Schluss

Pluschenko selbst schien zuerst wenig Interesse daran zu haben, um eine Rückkehr in den Sport zu kämpfen. Er machte einen Abstecher in die Politik für die Partei "Gerechtes Russland", ließ eine Einspruchsfrist gegen seine Sperre verstreichen und wurde erst heuer im Sommer nach einem Bittgesuch wieder zugelassen. Es wird für den 28-Jährigen - so das Knie hält - der letzte große Auftritt sein. Und wahrscheinlich sein wichtigster.

Russland, das nach seiner Silbermedaille ebenso erbost war wie Pluschenko selbst, hat nach der allgemeinen Enttäuschung in Vancouver den Erfolg bei den Heimspielen zur nationalen Angelegenheit erklärt. Für das langjährige Aushängeschild, das schon einmal nach einer mehrjährigen Pause in die Spitze zurückgekehrt ist, wird der Druck dadurch nicht geringer. Es ist nicht zuletzt der Druck, zu beweisen, dass Jewgeni Pluschenko mehr ist als ein Relikt aus vergangenen Zeiten.